Das Gedenken an den 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution, die zur Öffnung der Mauer führte, gestaltete sich am Sonnabend in Stendal auf dreierlei Weise. Nora Knappe hat, wie etwa jeweils 200 weitere Teilnehmer, die Veranstaltungen besucht.

Erinnerungstafel

Die Portraits von Erika Drees und Hans-Peter Schmidt sind hinterlegt mit Mauerrissen, darunter brennende Kerzen und Fußspuren: Das 60 mal 80 Zentimeter große Bronzerelief an der Südseite des Stendaler Rathauses spricht in starker Symbolik. Dass der Text, in dem "an die Initiative der Bürgerbewegung Neues Forum in Stendal und Hauptredner der ersten freien Großkundgebung auf dem Stendaler Marktplatz am 6. November 1989" erinnert wird, zudem in wechselnden Schriftgrößen zu lesen ist, ist ebenso metaphorisch gemeint, wie Rüdiger Laleike, der die Tafel entworfen hat, erklärt: "Die Schrift spiegelt die Unruhe der damaligen Zeit, die Aufgewühltheit."

Die Tafel ist eine Initiative der Kaschade-Stiftung und erinnert an zwei Bürgerrechtler, die "gemeinsam mit anderen die Revolution in dieser Stadt geführt und geprägt haben", wie Oberbürgermeister Klaus Schmotz vor der Enthüllung am Sonnabendnachmittag sagte. "Der Ruf nach Freiheit und Demokratie wurde in besonderer Weise von diesen beiden artikuliert. Ihnen ist es gelungen, die Menschen aus ihren Nischen auf die Straße zu holen."

Eberhard Schmidt, zur Wendezeit Propst in Stendal, erinnerte an Erika Drees mit den Worten: "Sie war eine Frau von Mut, und ich denke oft an ihre engagierte Entschlossenheit. Sie war für uns und viele andere ein Zeichen der Hoffnung."

Werner Schulze, ein Weggefährte Hans-Peter Schmidts, sagte über diesen: "Er war für Stendal der Multiplikator der Idee der Bürgerbewegung, er regte andere dazu an, Gleiches zu tun. Und das Neue Forum Stendal wirkte dank ihm überregional."

Gedenkgottesdienst

Das Bild einer Silberhochzeit bemühte beim Gedenkgottesdienst im Dom St. Nikolaus Pfarrer Ulrich Kasparick. "Man kannte sich schon, aber die Heirat kam doch sehr plötzlich. Keiner hatte damit gerechnet, dass die beiden sich nochmal zusammentun würden." Neben dem Blick zurück sei bei solchem Anlass, dem Fest der Silberhochzeit, auch der Blick nach vorn wichtig, sagte Kasparick. "Da ist natürlich viel Gewöhnung, aber dann schaut man sich in die Augen und denkt: Wer bist du eigentlich?" Das gegenseitige Kennenlernen, so sein Gefühl, halte noch immer an, denn auch wenn sich alles längst gemischt habe, "wirkt noch nach, was uns jeweils geprägt hat".

Anknüpfend an die Träume und Wünsche von vor 25 Jahren, mahnte Kasparick mit einem Zitat von Papst Franziskus, "die Würde des Menschen wieder ins Zentrum zu rücken". Und dies müsse "hartnäckig, aber ohne Fanatismus, leidenschaftlich, aber ohne Gewalt" geschehen.

Wir Menschen heute hätten die Freiheit dazu, die Gesellschaft neu zu gestalten. "Wie aber kann eine Gesellschaft, die gefangen ist im Konsum, die Freiheit feiern?" Innehalten und nach Neuorientierung suchen, Abrücken von wieder aufkommenden alten Feindbildern im Ost-West-Schema, Verantwortung übernehmen im Geist der Bürgergruppen und des Dialoges - das gab Kasparick den Zuhörern mit auf den Weg.

Podiumsgespräch

Am Podiumsgespräch im Kapitelsaal des Doms nahmen unter anderem Altpropst Eberhard Schmidt, Professor Ulrich Nellessen und Oberbürgermeister Klaus Schmotz teil. Gesprochen wurde über persönliche Erinnerungen an den Wendeherbst, über die allseits sehr präsente Angst in jener Zeit, über die Überlebensstrategie der Anpassung, über Versöhnung und gemeinsame Werte.

Eindrücklich formulierte Ehrengast Eberhard Diepgen, vor und nach der Wende Regierender Bürgermeister von Berlin, seine Wertung der Ereignisse: "Was muss im kollektiven Gedächtnis bleiben? Dass das Jahr 1989 ein großes Jahr des demokratischen Umbruchs war und damit in der deutschen Geschichte in einer Reihe steht mit 1848 und der Phase nach dem Ersten Weltkrieg."

   

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