Dort, wo ein Ortseingangsschild steht, muss nicht unbedingt der dazugehörige Ort beginnen. Beispiel Gardelegener Straße in Stendal. Dort steht etwa ein Dutzend Wohnhäuser vorm Ortseingangsschild. Warum?

Stendal l Das Haus, das Irmtraud Neiß und ihr Mann zu DDR-Zeiten für sich und ihre Kinder gebaut haben, steht an der Gardelegener Straße. Inzwischen sind die Kinder aus dem Haus, das Ehepaar jedoch lebt noch immer hier - und ärgert sich noch immer über dasselbe Problem: den mit Tempo 70 direkt an ihrem Grundstück vorbei rasenden Verkehr, den die Anwohner gern auf Tempo 50 gedrosselt sähen.

Ein schmaler Grünstreifen nur trennt das Neißsche und die benachbarten Wohngrundstücke von der Fahrbahn. "Morgens ist es besonders schlimm. Man kommt kaum vom Grundstück, so stark ist der Verkehr", sagt die Rentnerin. Man mag es der Frau glauben, denn die Gardelegener Straße ist nach wie vor eine der "Einflugschneisen" aus Richtung Gardelegen zur Stadt hinein. Daran hat der Bau der Ortsumgehung nicht viel geändert. Diese, die jetzige B 188, leitet lediglich den Fernverkehr um Stendal herum, der sich damals vor dem B-188-Neubau ebenfalls über die Gardelegener Straße wälzte.

Apropos damals: Zu Zeiten, da die Gardelegener noch die Bundesstraße 188 war, diente diese Tatsache der Stadtverwaltung als Begründung, warum in diesem Abschnitt der Wohnstraße Tempo 70 galt. "Sie haben nun mal an einer Bundesstraße gebaut", erinnert sich Irmtraud Neiß an die Antwort, die ihr auf die damals schon im Rathaus geäußerte Bitte gegeben wurde, das Tempo doch auf 50 km/h zu begrenzen. Spätere diesbezügliche Versuche - die Gardelegener Straße hatte den Status einer Bundesstraße längst verloren - scheiterten am von der Stadt ins Feld geführten Argument der zu spärlichen Wohnbebauung in diesem Bereich der Straße.

Fakt ist aber: das Ehepaar Neiß hat nicht nur links und rechts von ihrem Haus wohnende Nachbarn, sondern auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf die müssen die auf der westlichen Seite der Gardelegener Straße Wohnenden übrigens auch, wenn sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Stadt oder nach Wahrburg wollen. Einen Rad- und Gehweg gibt es nämlich nur am stadteinwärts gesehen linken Straßenrand.

"Ohne Rücksicht auf Gemeindegrenzen"

Im Stendaler Rathaus sieht man jedoch keinen Handlungsbedarf, sieht sich nicht einmal in der Pflicht zu handeln. Zwar sei die Gardelegener Straße keine Bundesstraße mehr, aber: "Die Beschilderung außerorts (ab Ortseingangstafel in Gelb) fällt in die Zuständigkeit der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Stendal", heißt es in der Antwort der Stadtverwaltung auf die entsprechende Anfrage der Volksstimme. Beschwerden und Anregungen zur Verkehrssituation in dem betreffenden Straßenabschnitt seien dorthin zu richten.

Zudem sei mit der Reduzierung der außerorts geltenden Regelgeschwindigkeit von 100 auf 70 km/h "der Gefahrenlage bereits Rechnung getragen".

Chancen für eine weitere Geschwindigkeitsreduzierung sieht man in der Stendaler Stadtverwaltung eher nicht. Das sei bereits "an anderen Einfallstraßen Stendals mit ähnlichen Straßenabschnitten vom zuständigen Straßenverkehrsamt abgelehnt" worden.

Fakt ist - und das ist ein weiterer Nachteil für die dort Wohnenden -, dass das Haus des Ehepaares Neiß und ein gutes Dutzend weiterer Ein- und Mehrfamilienhäuser in diesem Abschnitt der Gardelegener Straße zwar auf Stendaler Territorium, aber vor dem Ortseingangsschild stehen.

Warum das so ist, erklärt die Stadtpressestelle: Ortstafeln seien "ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Gemeindegrenzen dort anzubringen, wo die geschlossene Bebauung auf einer Seite der Straße beginnt oder endet. Nur vereinzelt stehende Bauten begründen eine Aufstellung der Ortstafel und die damit verbundene Reduzierung auf 50 km/h nicht."