Stendal l "Ich finde den Wendebrei, der jetzt rauswabert, unerträglich." Malte Fröhlich macht keinen Hehl daraus, was er von der Vielzahl an Veranstaltungen, von den Rückblicken und Reden anlässlich des Mauerfalls und der friedlichen Revolution vor 25 Jahren hält. Der Milterner sieht das alles kritisch, weil die Wende und die Wiedervereinigung Entwicklungen möglich gemacht hätten, gegen die er als Mitglied der Friedensbewegung von damals heute wieder auf die Straße geht.

"Hätte es die Wende nicht gegeben, würde die NATO jetzt nicht an der russischen Grenze stehen", sagt Malte Fröhlich, der sich unter anderem in der Bürgerinitiative Offene Heide für eine zivile Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide und gegen militärische Einsätze engagiert, und der die Feststellung einiger, "Die Wende ist noch nicht vorbei", gut findet.

Über seinen Weg zur Umwelt- und zur Friedensbewegung berichtet Malte Fröhlich, der beruflich heute Holz-Spielplätze baut und Skulpturen schnitzt, am Dienstagabend während einer Veranstaltung an der Stendaler Hochschule. Sein Mitstreiter in Sachen persönlicher Erinnerung ist Michael Rost, Professor für baulichen Brandschutz, vom Fachbereich Bauwesen der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie beide gestalten die einzige von sieben Veranstaltungen der Hochschul-Reihe "Der andere Blick", die in Stendal stattfindet. In der Reihe wird die Wendezeit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, die anderen Abende fanden und finden in Magdeburg statt.

Den anderen Blick gibt es für die rund 20 Gäste am Dienstag auf die Anti-AKW- und die Friedensbewegung 1989. Malte Fröhlich erzählt, wie 1986 eine Stendaler Umweltgruppe gebildet wurde. "Tschernobyl hat zu vielen Anti-AKW-Gruppen geführt. Für mich war das ein Weckruf", sagt er. Zur Erinnerung hat er einige Fotomontagen mitgebracht, wie sie von der Gruppe damals angefertigt wurden - zum Beispiel Kernkraftwerkstürme und dazu Zitate. Und auf die Rückseite wurde ein Text geklebt, der mit der Forderung "Baustopp für das KKW Stendal" endete - das war 1988.

Er berichtet über den "riesigen personellen Aufwand für unsere kleine Gruppe", den die Staatssicherheit betrieben hat. Soweit er wisse, "waren wir Stendaler aber die einzige Gruppe, in die das MfS nicht rein kam".

Auch Michael Rost kam in den 1980er Jahren zur Anti-Atomkraft-Bewegung. Am 1.Mai 1986 ging er mit einem selbstgebastelten Anstecker "Nein zur Atomkraft" auf die Straße - und rief damit an der Magdeburger Universität die Funktionäre auf den Plan. Diese und viele andere Erlebnisse und Begebenheiten schildert er im Wechsel im Malte Fröhlich und im Gespräch mit den Gästen.

Seinen persönlichen Rückblick auf 1989 und die Folgejahre fasst Rost so zusammen: "Mit dem 9. November 1989 kam das Ende der Bürgerbewegung. Bei mir schwingt die Enttäuschung bis heute nach." Nach der Wende seien die Gruppen immer größer geworden, "und sie gingen immer mehr von ihren Idealen und Forderungen ab". Die "Lobhudelei" dieser Tage zum Wendejubiläum gehe ihm "auf die Nerven". Auch wenn es "provokativ klingt, mir geht es so: Die Situation jetzt in Europa erinnert mich sehr an die letzten Jahre in der DDR."

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