Stendal l 1938, als im November bei den Pogromen jüdische Familien verschleppt und Geschäfte sowie Synagogen zerstört wurden, war Ingrid Fuchs sieben Jahre alt. Damals lebte sie im thüringischen Mühlhausen. Aus ihren Erinnerungen an diese Zeit, aber auch über vieles, was sie zum Thema Holocaust recherchiert und gesammelt hat, erzählte sie gestern vor Neuntklässlern des Winckelmann-Gymnasiums und Elftklässlern des Fachgymnasiums der Berufsbildenden Schulen Stendal im Altmärkischen Museum. Dort ist zurzeit die Wanderausstellung "Anne Frank - Eine Geschichte für heute" zu sehen, konzipiert vom Anne-Frank-Haus Amsterdam.

Ingrid Fuchs` eigene Familie war von der Judenverfolgung nicht betroffen. Aber als junges Mädchen hat sie dennoch die Ereignisse der Zeit wahrgenommen. Und so erzählte sie in kurzen, aber eindringlichen Worten von Ruth, ihrer jüdischen Klassenkameradin. "Wir waren gerade einmal ein dreiviertel Jahr zusammen zur Schule gegangen, und eines Tages kam sie nicht mehr." Wie sie später erfuhr, wurde deren Familie nicht ins Konzentrationslager verschleppt, sondern konnte nach Südamerika auswandern. "Dafür mussten sie viel, viel Geld bezahlen, und dann auch noch eine Reichsfluchtsteuer. Das muss man sich mal vorstellen: Sie wollten doch gar nicht weg!"

Misshandlung, Ausgrenzung und Demütigung jüdischer Mitmenschen - das ist Ingrid Fuchs in Erinnerung oder sie hat es von ihrer Großmutter erzählt bekommen. "Meine Eltern haben mit uns kaum über diese Ereignisse gesprochen, wie viele andere auch hatten sie Angst. Als Kind konnte ich ja nichts tun, nur neugierig sein." Und mitfühlend - so wie eine Freundin von Ingrid Fuchs, die, achtjährig, aus einem wütenden Gerechtigkeitsempfinden heraus einem SS-Mann in die Hand biss, der einen alten, am Boden liegenden Juden trat und schlug. "Das gab Schwierigkeiten für ihre Eltern, aber sie wollte dem alten Mann einfach helfen."

Ihr Leben lang haben Ingrid Fuchs, die seit den 50er Jahren in Stendal lebt, diese Ereignisse nicht mehr losgelassen. Sehr bewegt war sie daher auch von der Begegnung mit den Nachkommen einer jüdischen Nachbarsfamilie aus Mühlhausen. In deren Haus wohnen seit DDR-Zeiten Fuchs` Schwester und Schwager. "Ende der 90er Jahre hat meine Schwester Kontakt zu den beiden Kindern aufgenommen, die nun in Montevideo in Uruguay lebten. Und sie kamen zu Besuch nach Mühlhausen." Vor einem Jahr dann wurden schließlich vor diesem Haus Stolpersteine verlegt, was die Tochter als einzige Nachfahrin noch miterleben konnte. "Da war ich auch dabei, das hat mich ganz stark berührt", erzählte Ingrid Fuchs den aufmerksam zuhörenden Jugendlichen.

Mit dem Gedicht "Gespräch mit einem Überlebenden" von Erich Fried, in dem die Fragen gestellt werden: "Was hast du getan, was du nicht hättest tun sollen?" und "Sind andere gestorben, weil du nicht sterben wolltest?", schuf sie abschließend einen nachdenklichen Moment. Ihr Wunsch an die Schüler: "Ich finde es wichtig, dass Sie dagegen angehen, wenn Nazi-Parolen aufkommen. Und haben Sie Mut, mit diesen Leuten darüber zu sprechen. Denn viele wissen gar nicht, was sie da sagen."