Die Anne-Frank-Ausstellung im Altmärkischen Museum ist ein Besuchermagnet, vor allem unter jungen Leuten. Zuweilen wird die räumlich beschränkte Präsentation von Fotos, Texten, Grafiken und Hausmodellen geradezu überschwemmt von Schülergruppen, ist von Museumsmitarbeitern zu erfahren. Die sind darüber hocherfreut, haben aber eine Bitte: Eine kurze telefonische Anmeldung wäre nicht schlecht. Bis zum 12. Dezember kann die durch die ganze Welt reisende Dokumentation des Amsterdamer Anne-Frank-Hauses noch besucht werden.

Das Mädchen Anne, das seine Freuden und Ängste, seine Leiden und Hoffnungen, seinen auch in aussichtsloser Lage nicht zu brechenden Optimismus einem Tagebuch anvertraut, berührt gerade Kinder und Jugendliche, also Menschen ihrer Generation, tief im Herzen, in der Seele, aber auch im Kopf. In der Schule zu lernen, dass die Nazis sechs Millionen Juden, 80000 Behinderte, mehrere zehntausend oder gar hunderttausend Sinti und Roma ermordet haben, lässt einen kurz schaudern, berührt aber nicht wesentlich mehr als die Nachricht in der Zeitung, Bayern München habe sich für 30 Millionen Euro einen neuen Spieler geleistet. Zu abstrakt, monströs, nicht vorstellbar.

Aber mit dem Mädchen Anne, das auch in deine Klasse gehen könnte, von dem es niedliche Baby-Fotos mit der Mama, fröhliche Bilder mit dem Papa und der Schwester, andere mit ihren Freundinnen in der Sandspielkiste zu sehen gibt - da ist es etwas ganz anderes. "Hanneli und Sanne waren früher meine besten Freundinnen, und wer uns zusammen sah, sagte immer: Da laufen Anne, Hanne und Sanne." Das hat Anne in ihr Tagebuch geschrieben. Wer das in der Ausstellung liest, weiß, dass die Mädchen bald Opfer der Barbarei werden. Und möchte um sie weinen.

"Anne Frank - eine Geschichte für heute" zieht den Besucher tief hinein in das kurze Leben des 1929 in Frankfurt am Main geborenen Mädchens, in das Leben, Ums-Überleben-Kämpfen und den Untergang der deutsch-jüdischen Familie, die 1933 vor den Nazis nach Amsterdam flieht und sich von 1942 bis 1944 in einem Hinterhaus versteckt, bis sie verraten und nach Auschwitz deportiert wird. Von Anne erfahren wir alles ganz konkret: "... und das Elend für uns Juden begann", schreibt sie nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande im Mai 1940. Juden müssten nun einen gelben Stern tragen, sie hätten ihre Fahrräder abzugeben, dürften nicht mehr mit der Straßenbahn oder einem Auto fahren, nur von 3 bis 5 Uhr einkaufen und nur zu einem jüdischen Friseur gehen. Die Familie wird auseinandergerissen, Mama Edith stirbt in Auschwitz im Gas, die Töchter Margot und Anne erliegen im März 1945 in Bergen-Belsen innerhalb weniger Tage unter grausamen Bedingungen dem Fleckfieber. Papa Otto überlebt als Einziger.

Gestorben ist Anne Frank nicht etwa fern von hier in den Weiten Osteuropas. Bergen-Belsen liegt ganz in der Nähe, im Landkreis Celle.