Von zwei ärztlichen Fehlern mit weitreichenden Folgen nicht nur für die Patienten, sondern auch für unser Gesundheitswesen, sei berichtet. Der erste - die Diagnose lautet: Der Patient ist organisch gesund. Die Wahrheit ist: Der Patient ist schwer krank. Der zweite - die Diagnose lautet: der Patient ist organisch krank. Die Wahrheit ist: Der Patient ist gesund. Unter Ärzten wird wohl der erste Fehler als weitaus gravierender eingeschätzt, denn bei der gefürchteten Verkennung der Realität wird dem Patienten eine vielleicht sogar lebensrettende Therapie vorenthalten. Gefürchtet wohl auch deshalb, weil neben der Blamage - vorausgesetzt der Fehler wird später entdeckt - staatsanwaltliche Ermittlungen und Regressansprüche des sich "betrogen" gefühlten Patienten drohen, denn unser Anspruchsdenken, oft verbunden mit medizinischem Internethalbwissen, verzeiht keine Fehler und fragt nicht nach den Umständen, unter denen sie passieren. Die Folge ist eine oft ausufernde Absicherungsmedizin, bei der das Interesse des sich schützen wollenden Arztes immer mehr an Bedeutung gewinnt. Dies kann den Patienten zum Nachteil gereichen, denn dass eine Diagnostik gesundheitliche Schäden anrichten kann - man denke nur an die krebsfördernde Wirkung von Röntgenstrahlen -, wird dabei ausgeblendet. Der erfahrene, rechtschaffene Arzt veranlasst nur das, was notwendig ist. Der wohlüberlegte Verzicht auf medizinische Maßnahmen wird in seiner Bedeutung völlig verkannt, oft diffamiert statt honoriert, sollte aber bei den vielen technischen Möglichkeiten wesentlicher Bestandteil ärztlichen Handelns sein. Der uralte Grundsatz jeder medizinischen Behandlung "primum non nocere - vor allem nicht schaden" hat bis heute seine Gültigkeit.

Der zweite Fehler ist zutiefst verachtenswert, wenn er mit den Dollarzeichen im Auge geschieht. Es ist eine Tatsache, dass die Häufigkeit medizinischer Eingriffe in erster Linie abhängig ist von der Vergütung. Das weist darauf hin, dass neben dem Interesse des Patienten auch andere Interessen ausschlaggebend sein können, sodass durchaus ein mehr oder weniger Gesunder schnell zur Beute der Medizin werden kann. Auch hier wird der oben erwähnte Grundsatz des "nicht schaden" gelegentlich ad absurdum geführt und liefert eine Erklärung für ständig steigende Gesundheitskosten.

Unter dem Druck fordernd auftretender Patienten, der von Ärzten betriebenen, primär auf die eigene Absicherung abzielenden Medizin, der vom Krankenhausökonomen permanent angestachelten Triebe der Gewinnmaximierung droht die Medizin ihr humanes Antlitz zu verlieren und degeneriert zum Verkaufsgegenstand. Es ist ein realitätsferner Wunsch, ein Anpfeifen gegen den Orkan der Maßlosigkeit, doch seine Erfüllung wäre für uns alle, die wir irgendwann einmal die Medizin brauchen, das schönste Weihnachtsgeschenk: bei Patienten, Ärzten und Ökonomen mehr Bereitschaft zu Verzicht und Bescheidenheit.

Prof. Ulrich Nellessen ist Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Genthin-Stendal