Stendal l Der Raum der Stille im Krankenhaus befindet sich im Erdgeschoss. Rechts von der Rezeption geradeaus, dann kurz links, und am Ende des Ganges ist er. Jeden Mittwoch um 12.30 Uhr gibt es hier eine kurze Andacht für Mitarbeiter und alle, die mögen.

Mittwoch vor einer Woche: Die Diakonissen Schwester Ursel und Schwester Herta sitzen in der halbkreisförmigen Stuhlreihe nebeneinander, im Schoß jeweils ein aufgeschlagenes Gesangbuch. Pfarrer Ulrich Paulsen betritt den Raum, kurz nach ihm seine Kollegin Angelika Beyer. Er begrüßt alle, stellt die leise Hintergrundmusik aus, zündet in der Mitte des Raumes auf dem Boden eine große Kerze an, setzt sich und liest zur Einleitung folgende Worte: "Willkommen in der Mitte des Tages. Wir kommen zusammen mitten im Alltag, mitten in der Woche. Wir kommen vor Gott zusammen. Er ist die Mitte des Lebens. Er hält alles zusammen - auch das, was wir nicht begreifen können." Gemeinsam wird gebetet, gesungen, kurz geschwiegen. Nach wenigen Minuten ist die Andacht vorbei.

Für unser Gespräch gehen wir in Paulsens Büro im ersten Stock.

Ulrich Paulsen: Diese Andacht jeden Mittwoch haben wir vor einem Jahr eingeführt, Patienten kommen eher nicht, es ist mehr ein Angebot für Mitarbeiter, nochmal fünf Minuten stille zu werden, bevor sie vielleicht zur Mittagspause gehen oder zum nächsten Patienten. Ich nenne diese Andacht "Fünf Minuten für die Seele". Es ist gut, wenigstens einmal zwischendurch runterzufahren, versuchen abzuschalten.

Volksstimme: Dafür sind fünf Minuten aber recht wenig Zeit, oder?

Es ist wahnsinnig schwer, stille zu werden. Vom Flur kommen Geräusche, man hat das Handy auf Vibration gestellt und hofft, dass es nicht ausgerechnet jetzt summt, müsste sich eigentlich etwas notieren, um es nicht zu vergessen. Aber diese Andacht ist eine Unterbrechung im Stress, ich sage mir bewusst: Stopp! Halte inne!

Ist der Raum der Stille immer geöffnet?

Ja, jeder kann jederzeit dort hingehen. Das Kuriose ist: Es läuft dort immer eine leise Hintergrundmusik. Aber manchen tut genau das gut. Und der Raum lässt so viele Geräusche vom Krankenhausalltag rein, da ist die Musik vielleicht auch ablenkend und beruhigend.

Mögen Sie Stille, brauchen Sie stille Momente?

Mit zunehmendem Alter merke ich, dass ich Stille brauche. Ich versuche, mehrmals am Tag Stille zu vollziehen. Wenn ich morgens in mein Büro komme, Fahrradhelm und Tasche abgelegt habe, mache ich eine Entspannungsübung. Auch mittags versuche ich, mich kurz zurückzuziehen. Das ist Zeit für mich, ich höre dann in mich hinein, wie es mir und meinem Körper geht. Das ist festes Ritual und ein Bedürfnis.

Ist Stille für Sie absolut oder darf es dabei auch Geräusche geben? Vielleicht verbinden Sie sogar bestimmte Geräusche mit Stille?

Ich kann mich mit Geräuschen drumherum arrangieren, kann die Ohren auf Durchzug stellen, aber das ist dann schon eine Kraftanstrengung, auf diese Weise zu einer inneren Stille zu finden. Auch in der Natur ist es ja nicht absolut still. Aber das sind Geräusche, die stören nicht. Ein Geräusch der Stille, dem ich gern und lange lausche, ist für mich der Wellenschlag, seine Regelmäßigkeit vermittelt Ruhe.

Sind Momente des Schweigens, des Stilleseins bei Ihrer Arbeit, in Gesprächen mit Patienten wichtig?

Ja, solche Momente sind wichtig. Aber da gibt es verschiedene Formen des Schweigens. Da sind zum einen die Momente der Sprachlosigkeit, wenn keiner weiß, wie es weitergeht, da bekommt man einfach keinen Draht zueinander. Die Gespräche mit Patienten sind für mich ja oft Erstbegegnungen, da ist es manchmal ein Suchen und Stottern und es bleibt oft bei einem Schweigen. Dann gibt es auch Patienten, die infolge einer Operation nicht sprechen können, sondern nur nicken und mit dem Kopf schütteln oder etwas aufschreiben. Noch schwieriger sind die Begegnungen mit Menschen in komatösem Zustand. Ich versuche trotzdem, da etwas hineinzugeben, auch über mein Sprechen. Aber Sprache ist nicht alles, manchmal ist auch eine Berührung Kommunikation, reicht ein Über-die-Hand-Streichen aus. Und manchmal genügt es auch, einfach nur dazusitzen und zu schweigen.

Schweigen Sie in Gesprächen auch mal ganz bewusst?

Ein bewusstes Innehalten und Schweigen gehört zum Gespräch dazu. Das gibt Gelegenheit, sich zu fragen: Was war eben? Was will mein Gegenüber mir sagen? Oder ich brauche selbst einen Moment, um meine Gedanken zu sammeln. Oder auch frei zu werden für Neues.

Ertragen die Menschen denn in Gesprächen die Stille oder ist es den meisten eher unangenehm?

Das ist sehr, sehr unterschiedlich. Überwiegend ist da schon eine Unsicherheit, Schweigen ist nicht unbedingt angenehm. Andere wiederum spüren, dass ihnen ein Moment der Stille ganz guttut. Es ist schon vorgekommen, dass ich das Schweigen noch etwas aushalten und andauern lassen wollte und mein Gesprächspartner rausplatzte: Na, Herr Pastor, jetzt wissen Sie wohl auch nicht, was Sie sagen sollen?

Schweigen ist offenbar gar nicht so einfach, Schweigeminuten dauern ja auch nie eine volle Minute, da ist es oftmals nach zehn Sekunden schon vorbei.

In Gruppen ist Schweigen ganz schwer, das stimmt. Wer aber die Stille wirklich sucht, der kann sie als etwas Verbindendes erleben. Das gibt es zum Beispiel bei den Gottesdiensten in Taizé. Da kommen hunderte und tausende Menschen zusammen, und statt einer langen Predigt gibt es Minuten des Schweigens. Wenn 2000 Menschen gleichzeitig still sind, das ist verblüffend.

Ein schönes Beispiel dafür, dass Stille im positiven Sinne überwältigend sein kann. Hatten Sie jemals einen Moment, in dem die Stille Sie erdrückt hat?

Solche Momente gibt es, vor allem in Sterbesituationen. Wenn die Angehörigen selbst ganz betroffen schweigen und eine diffuse Unsicherheit ausstrahlen. Und ich stehe schweigend dazwischen, weiß zu wenig von ihnen, um zu wissen, was ich sagen soll. Das ist eine Sprachlosigkeit, in der mitschwingt: Jetzt müsstest du etwas sagen. Aber was? Es gelingt mir nicht immer, solches Schweigen aufzulösen. Dennoch kann "präsentes Schweigen" ganz gegenwärtig sein und mehr bedeuten als Worte - aber es kann passieren, dass es ohne Verbindung zu den Menschen im Raum bleibt. Manchmal ist es dann für mich eine Brücke, wenn ich anbiete: Ich schließe Sie gern in meine Fürbitte ein.

Was passiert in Ihnen in einem Moment der gewollten Stille?

Das ist je nach Situation anders. Manchmal bin ich dann stark bei dem, was ich gerade gehört habe. In Momenten der Stille suche ich aber auch manchmal nach einer Idee, die mich oder meinen Gesprächspartner aus einer Sackgasse führen kann. Da ist dann manchmal die Hoffnung, dass mir Gottes Geist eine Eingebung gibt, das hat etwas Spirituelles. Und manchmal kommt sie überraschend dem Gegenüber. Das geht natürlich nicht auf Befehl. Oft geschieht das, wenn man etwas erst einmal auf sich wirken lässt. Das funktioniert aber nur in der Stille, solche Eingebungen kommen in der lauten Welt nicht vor.

Wünschen Sie sich mehr Stille im Alltag?

Ich persönlich brauche die Stille. Aber ob ein jeder Stille braucht und wie viel, das muss jeder für sich rausfinden. Aber nicht umsonst ist es für viele ein Reiz, ein paar Tage in einem Kloster zu verbringen. Was die Menschen dabei vor allem suchen, ist, glaube ich, Stille. Da muss man gar keine großen Weisheiten entdecken, da genügt einfach die Stille. Ich selbst bin ein begeisterter Pilger. Aber dafür muss ich nicht nach Santiago, das kann ich hier beginnen und die Stille in der Natur finden.

Waren Sie schon einmal an einem Ort, an dem Sie völlige Stille gefunden haben?

Ja, da gibt es Erinnerungen an Aufenthalte im Schnee. Es war in Österreich, oben in den Bergen. Wenn die dicke Schneedecke den Schall schluckt, das ist totale Stille. Das war einmalig. Oder auch auf Hiddensee, da habe ich es auch schon mal sehr still erlebt. Dort dürfen ja keine Autos fahren. Und dann abends die Sterne sehen und kein Geräusch ringsum.

Wie ist Weihnachten bei Ihnen: still oder eher trubelig?

Heiligabend ist bei uns keine stille Nacht. Der Tag ist mit Arbeit gefüllt und vielen Begegnungen. Ab dem ersten Weihnachtsfeiertag wird es von der Arbeit her stiller und familiärer. Dann sind wir zusammen, es ist kein Sichzurückziehen. Aber das ist es in der Bibel auch nicht: An der Krippe ist es eine Begegnung, völlig fremde, weitgereiste Menschen mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten kommen ins Gespräch, nehmen einander wahr und brechen auf, um allen anderen davon zu erzählen. Ganz im Sinne einer frohen Weihnacht.

Im Gespräch mit Pastor und Krankenhausseelsorger Ulrich Paulsen war Nora Knappe

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