Er kann Tische fliegen lassen und weiß, wie man Jungfrauen zersägt. Er bringt Geschenke und zaubert Lachen in Kindergesichter. Der Tangermünder Hartmut Thomas ist ein Mann mit vielen Gesichtern und hat einen ungewöhnlichen Beruf.

Tangermünde l Welches Kind kann, ohne Schelte oder gar eine Ohrfeige zu riskieren, schon behaupten: "Mein Opa ist ein Clown." Die fünfjährige Josefine! Zwischen den Feiertagen war ihr Kindergarten geschlossen und Opa Hartmut Thomas passte auf sie auf. Damit hatte sie, wovon viele Kinder in ihrem Alter nur träumen können: Clown Tommy ganz für sich alleine.

In diesen Tagen hat der 60-Jährige ein wenig Zeit zum Luft holen, zum Enkelkindersitten. Vor einer Woche war das noch anders. Mit Rauschebart und im roten Mantel zog er als Weihnachtsmann oder Nikolaus von Haus zu Haus, von Kindereinrichtung zu Kindereinrichtung und von Markt zu Markt. Dieses Kostüm wird nun erst einmal eingemottet. Nach der Winterpause gehören riesige Schuhe, karierte Latzhose, karierte Mütze sowie viel Schminke zu seiner hauptsächlichen Berufsbekleidung. Zum Osterfest schlüpft er in das Hasenfell und ab und zu trägt er auch noch seien glitzernden Magierumhang. Wenn gewünscht, baut der Tangermünder auch noch seine Disco-Anlage auf und in ganz besonderen Fällen spielt er selber die Panflöte. Am Bauchreden arbeitet er derzeit.

Für Clowns gibt es keine Versicherung

Welche Berufsbezeichnung hat Hartmut Thomas denn nun? "Wenn ich das wüsste", meint das Allround-Talent und macht ganz praktische Gründe für sein Zögern verantwortlich. "Für Clowns gibt es nämlich keine Versicherung", begründet er schmunzelt. Notgedrungen sei er also Alleinunterhalter oder auf Neudeutsch Eventmanager.

Begonnen hatte er allerdings ganz bürgerlich mit einer Lehre zum Fernmeldemechaniker. Zur Magie fand er 1984 als Mitglied des Zauberzirkels im Stendaler Club der Eisenbahner, Anfang der 90er kam die Clownerie hinzu. Jahrelang war die Kunst nur Nebensache. Wochentags arbeitete er als Hartmut Thomas in der Stendaler Stadtverwaltung und an Wochenenden als Clown Tommy oder Tomasius der Zauberer in ganz Deutschland. Erst zur Jahrtausendwende machte er sein Hobby zum Beruf.

Auftragsbedingt ist Thomas mittlerweile mehr Spaßmacher als Magier. Zu Einschulungen, Kindergeburtstagen oder -festen tritt er als Clown auf, im Wildpark Weißewarte ist er der Spaßmacher vom Dienst. Obwohl der Tangermünder auch eine Clownsschule besucht hat, gibt er nicht den klassischen Tölpel, der ständig auf die Nase fällt. "Ich arbeite lieber mit den Kindern, zaubere, jongliere, modelliere, spiele, tanze und singe mit ihnen", so Thomas. Musikalische Unterstützung erhält er bei seiner Arbeit von seiner CD. Die Tangerspatzen und Frido Berg singen darauf Clown Tommys Begrüßungslied, das Sportlied, das Märchenlied und das Abschiedslied, er selber spielt die Panflöte.

Damit seine junge Klientel auch mal richtig toben kann, baut er bei Bedarf auch Hüpfburgen auf. Damit Geld zu verdienen, werde aber immer schwieriger. Die Veranstalter würden sich nach und nach selber welche zulegen. So hat eben auch ein Clown mit banalen wirtschaftlichen Dingen zu kämpfen.

Außerdem muss ein engagierter Clown Opfer bringen beziehungsweise eine verständnisvolle Familie haben. Tommy beispielsweise hat am 1. Juni Geburtstag und da ist bekanntlich auch Kindertag. Im vergangenen Sommer feierte er seinen 60. auf eine Weise, die sich gestandene Männer in seinem Alter kaum vorstellen können: "Am Vormittag baute ich Hüpfburgen auf, um 11 Uhr habe ich geheiratet und anschließend gab ich zwei Stunden zum Kinderfest im Wildpark den Clown." Seine Braut, die Hochzeits- und Geburtstagsgäste mussten eben warten.

Der Zauberer bleibt im Sack

Als Zauberer steht Tomasius mittlerweile seit 30 Jahren auf der Bühne. Er beherrscht die kleinen Tricks genauso wie die großen und durchschaut in nicht wenigen Fällen selbst die Illusionen eines David Copperfield. Tomasius lässt nicht nur Tische, sondern auch Jungfrauen schweben. Er weiß, wie man selbige schadlos zersägt oder mit Schwertern durchbohrt. Mit einer Zwangsjacke kann man ihn nicht ruhigstellen. Nach 30 Sekunden hat er sich dieser wieder entledigt.

Trotz jahrzehnterlanger Erfahrung geht aber auch mal etwas schief, beginnt der Magier aus dem Nähkästchen zu plaudern: So reiche eine falsche Handbewegung und die Befreiung aus den Handschellen scheitert. Sei man dann, wie einst er, auch noch in einem zugebundenen Sack gefangen, kann nur noch das Publikum aus der misslichen Lage helfen.

Auch dürfen Zauberer ihre Requisiten nie aus der Hand geben. Das musste Thomas erfahren, als er aus dem Nichts einen 50-Mark-Schein herbeizauberte. Die Dame aus dem Publikum, welche die Echtheit prüfen sollte, steckte ihn kurzerhand in ihren Ausschnitt. Das Geld gab sie nicht mehr heraus. Warum auch? Schließlich könne er sich ja einen neuen herbeizaubern. Schmerzlich ging es aber auch für einen Mann aus dem Publikum aus. Dieser wollte wissen, welcher Trick hinter der Nummer mit der Finger-Guillotine steckt. Er musste zu der Erkenntnis gelangen, dass das Fallschwert echt und scharf war...

Wie lange will Hartmut Thomas noch als panflötenspielender, spaßbringender zauberhafter Weihnachtsosterhase mit Hüpfburg und Disco-Anlage durch die Lande tingeln? "Ich denke, zehn Jahre geht das noch", kommt die spontane Antwort. Die Arbeit mit einem Publikum zwischen null und 100 Jahren halte jung. Allerdings seien nicht alle Altersklassen gleichermaßen zu begeistern. Am schwierigsten sei es, die Altersklasse zwischen zwölf und 20 Jahren bei Laune zu halten. "Kinder sind das ehrlichste Publikum. Wenn ihnen was nicht gefällt, stehen sie auf und gehen", lächelt Hartmut Thomas in Richtung Enkeltochter Josefine, die sich längst vom Großvater im karierten Kostüm ab- und dem Fernseher wieder zugewand hat. Für sie ist der Opa-Clown eben alltäglich.

   

Bilder