Den Betrieben in der Altmark stehen immer weniger Lehrlinge zur Verfügung. Besonders hart trifft es das Handwerk. Der Mangel begünstigt im Gegenzug die Chancen leistungsschwacher Schüler auf eine Lehrstelle.

Stendal l "Wir sind nicht abgeneigt, lernbehinderte Schüler auszubilden. Unsere Erfahrungen in dem Punkt sind nicht die schlechtesten", sagte Dirk Zeidler, Betriebsleiter beim Zeitfracht Nutzfahrzeug Service Stendal, am Montagabend im Berufsinformationszentrum (BIZ) der Hansestadt. Er war der Einladung der Agentur für Arbeit und der Grone-Schule Salzwedel gefolgt, die ihn und weitere regionale Betriebe zum "Unternehmertalk" mit Pädagogen der Förderschulen Stendal und Klietz sowie der Berufsbildenden Schulen Stendal geladen hatten.

Unter dem Motto "Der Ausbildungsmarkt und die Potenziale von Lernenden der Förderschulen" sollten Kontakte zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht werden. Die Veranstaltung ist Teil des durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Projekts "Zukunftscamp Future Now - Altmark". "Im Rahmen des seit 2009 laufenden Projekts haben wir für knapp 100 der 110 teilnehmenden Förderschüler eine Lehrstelle finden können", berichtete Sabine Kollek von der Grone-Schule.

"Viele unserer Schüler bringen gute Voraussetzungen für eine Ausbildung mit. Ihre Kompetenzen müssen nur effektiv genutzt werden", erklärte die stellvertretende Leiterin der Stendaler Pestalozzi-Schule, Ute Wernecke. Ihre Lehrerkollegin Bärbel Fuchs pflichtete Wernecke bei, entscheidend sei die Motivation der Schüler. "Ein Elektromeister hat mal einen unserer Schüler einen Tag lang mit auf Tour genommen. Der Junge war hellauf begeistert von dem Beruf", sagte Fuchs. Bedauerlicherweise hätten viele Betriebe nicht die Zeit und die Kapazitäten, sich ausreichend um die Schüler zu kümmern, wenn diese dort ein Praktikum absolvierten.

"Auch Förderschüler sollten von den Betrieben ganz normal behandelt werden. Am besten läuft der Praktikant den ganzen Tag mit den Angestellten mit, schaut, lernt und legt mit Hand an", empfahl Dirk Zeidler. Gleichzeitig gestand er ein, dass ein solcher Aufwand nicht in allen Praktikumsbetrieben möglich sei oder es oft an engagierten Mitarbeitern fehle.

Neben Zeidler war noch Volker Taraba, Ausbildungsleiter beim Gesundheitskostwerk Tangermünde, am Montag im BIZ anwesend. Weitere eingeladene Unternehmen hatten sich abgemeldet oder waren einfach nicht zum Unternehmertalk erschienen.

"Wer nicht will, der hat schon", sagte Taraba. "Früher hatten wir es auch nicht nötig, auf Förderschüler zurückzugreifen, heute schon." Im vergangenen Jahr gingen bei dem Unternehmen so gut wie keine Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz ein. "Wir standen vor der Wahl, entweder nehmen wir Förderschüler oder gar keine Azubis", erinnerte sich Taraba. Die Erfahrungen mit den beiden Lehrlingen seien durchwachsen. "Die jungen Leute haben deutliche Defizite in Prozent- und Dreisatzrechnung", monierte der Ausbildungsleiter. "Hier sind die Lehrer gefragt, Wissenslücken gezielt zu schließen."

48 Jugendliche verlassen 2015 die Förderschulen

Sandra Thimian von der Agentur für Arbeit bekräftigte, dass sich zunehmend mehr Arbeitgeber in der Altmark gegenüber Förderschülern - trotz aller Defizite, die die Jugendlichen mitbringen - öffnen. Ende 2014 standen Thimian zufolge im Landkreis Stendal 1186 betriebliche und außerbetriebliche Ausbildungsplätze 1240 Bewerbern gegenüber. Angebot und Nachfrage seien also fast ausgeglichen. "In diesem Jahr verlassen 48 Schüler die Förderschulen im Kreis. Sie gilt es, in den Betrieben mit Azubi-Mangel unterzubringen", so die Agenturmitarbeiterin.

Neben den zum Teil erheblichen Wissensdefiziten, die einige Förderschüler hätten, bemängelten die beiden Unternehmensvertreter eine zunehmende Lethargie und Mangel an Ausdauer. Gleichzeitig lobten sie den Fleiß einzelner Azubis. "Gerade im Handwerk kommt es nicht immer auf den Intellekt an. Fleiß und Spaß an der Arbeit sind entscheidend", sagte Zeidler. Es gebe überall Berufe, wo die Jugendlichen "reinrutschen" könnten, dazu müssten sie keine Rechtschreibgenies sein.

Im Gespräch mit den Pädagogen wurde klar, dass in Sachen Praktika noch viel mehr Informationsbedarf seitens der Schulen und Schüler vorhanden ist. "Die Schüler wissen manchmal gar nicht, welche Möglichkeiten sich ihnen auch vor Ort bieten", erklärte Bärbel Fuchs. Hier sieht sie neben ihren Kollegen auch die Eltern in der Pflicht, sich mit den Jugendlichen über Stellen und Praktika zu informieren. Wichtig sei auch ein Zweitwunsch bei der Berufswahl.

Unternehmertalk mit Schülern und Eltern geplant

Beim Stichwort verkürzte Ausbildung kritisierten Zeidler und Taraba Industrie- und Handwerkskammern. Diese müssten mehr Lehrstellen schaffen, die speziell auf Förderschüler zugeschnitten sind. Ein weiterer Unternehmertalk im BIZ, diesmal mit Eltern, Schülern und Betrieben, kündigte Sabine Kollek für den März an. Zeidler und Taraba wollen dann gerne wieder mit dabei sein.