Ein Kolloquium als Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 850. Stadtgeburtstag. Diese Ankündigung aus dem Rathaus löste bei den Gästen des Kultursalons am Donnerstag Verwunderung aus. Sie hatten eine klare Botschaft an die Verwaltung und den Oberbürgermeister: Der Stadtgeburtstag soll ein Fest für die und mit den Stendalern werden.

Stendal l Nicole Laupsien, Sachgebietsleiterin Veranstaltungsmanagement und Tourismus, und ihr Mitarbeiter Matthias Neumann lösten mit ihrer Ankündigung, das Kolloquium sei der "Höhepunkt", eine eindeutige und unmissverständliche Reaktion der Runde von Kulturschaffenden und -interessierten aus: Die Stendaler wollen eine richtige Feier.

Vorwurf: Stadtspitze nicht an Fest interessiert

Ludwig Reinig, sachkundiger Einwohner im Kulturausschuss: "Wir müssen etwas tun. Aber sofort." Einen Festumzug lehnte Laupsien jedoch kategorisch ab: "Dafür ist es jetzt zu spät", sagte sie. Zudem habe die Leitungskonferenz der Stadtverwaltung, also Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) und seine Amtsleiter, derartiges wiederholt abgelehnt.

Stadtrat Jörg Glewwe (Linke) erklärte dazu, für die Stadtspitze seien die 850 Jahre offensichtlich kein richtiger Grund, etwas auf die Beine zu stellen.

Stadträtin Gesine Seidel (Linke) hatte ihr Anliegen zuvor schon im Stadtrat vorgetragen. Die Stadt möge 850 Jahre entsprechend begehen und insbesondere Kindern ihre Stadt näherbringen. Die Verbundenheit mit der Stadt war den Salonbesuchern Herzenssache. Immer wieder kam die Formulierung "Wir sind Stendal". Vorschläge, was alles gemacht werden könnte, gab es reichlich. Ein großes Konzert mit allen Chören der Stadt zum Beispiel. Hausbesitzer könnten Fotos ihrer Häuser vor und nach der Sanierung ins Fenster hängen. Kinder könnten Bilder malen, Wettbewerbe, 850-Meter-Läufe, das Einbeziehen der Ortsteile, Händler könnten ihre Schaufenster dekorieren, die Menschen in den Senio-renheimen einbezogen werden...

Günter Mey, Professor für Entwicklungspsychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal, vermisste ein richtiges Konzept und machte schließlich einen Vorschlag, der großen Anklang fand. Seine Idee: An einem Tag 850 Minuten lang mit allerlei Aktionen das Jubiläum feiern. Das könnte zum Beispiel am 3. Oktober geschehen. Hier plant die Stadt ohnehin einen Handwerkermarkt anlässlich des Feiertages zur Deutschen Einheit.

Stadtmitarbeiter Neumann bremste allerdings die aufkommende Euphorie. Derartiges zu organisieren erfordere personelle Kapazitäten, die schlicht nicht vorhanden seien. Etwas provokant fragte daraufhin Markus Jürisch vom Studierendenverein, ob man die Stadtverwaltung dazu überhaupt brauche.

Idee: 850 Stunden von Stendalern fürs Jubiläum

Marc Rath, Leitender Regionalredakteur der Volksstimme in der Altmark, bekräftigte, dass vielen Vereinen, Einrichtungen, Geschäftsleuten und Institutionen die Stadt Stendal am Herzen liege und sie sicher bereit seien, etwas auf die Beine zu stellen. "850 Minuten erfordern sicher auch 850 Stunden Vorbereitung." Die Volksstimme werde mit gutem Beispiel voran gehen und 85 Stunden, also rund zwei Wochen Arbeitszeit, für die Vorbereitung zur Verfügung stellen.

Auch beim nächsten Kultursalon soll es wieder um das Thema Stadtjubiläum gehen. Einig waren sich die Teilnehmer am Donnerstag darin, dass jetzt endlich gehandelt werden müsse. Ohne öffentlichen Druck ginge es offenbar nicht.