Stendal l Während in seiner ostukrainischen Heimat das Chaos des Bürgerkrieges herrscht, ist Artem Sikulskyi als Spieler des 1. FC Lok Stendal in der Altmark heimisch geworden. Mit den Gedanken ist er trotzdem in der umkämpften Stadt Donezk. Dort harren seine Mutter und sein 17-jähriger Bruder aus.

Im Sommer des letzten Jahres beschloss Artem Sikulskyi, die Ukraine zu verlassen. Sein ganzes Leben hatte er bis dahin in der ostukrainischen Industriestadt Donezk verbracht. Kurz vor seiner Abreise war er mit seiner Fußballmannschaft Olympik Donezk in die erste ukrainische Liga aufgestiegen, daneben hatte er sein Studium des Internationalen Managements beendet. Doch in der vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt sah der 24-Jährige keine Perspektive mehr. Sein Ziel stand fest: Er wollte nach Deutschland, um hier Fußball zu spielen.

Im Juli 2014 landete er in Berlin. Dort vermittelte ihn ein Spielerberater zunächst zur TSG Neustrelitz. Nachdem der Verein jedoch auf eine Verpflichtung verzichtet hatte, ging es weiter nach Stendal. Hier überzeugte der drahtige Verteidiger die Verantwortlichen auf Anhieb. Kurz darauf ging es noch einmal in die Heimat, um das nötige Visum zu beantragen. Nach seiner Rückkehr wurde der Abwehrspieler schnell zu einer festen Größe beim 1. FC Lok Stendal, und der Traum von einer sicheren Existenz in Deutschland rückte einen Schritt näher.

In Stendal fühlte sich Sikulskyi schnell heimisch. "Der Verein hat mich gut aufgenommen. Die Stadt gefällt mir sehr gut. Insgesamt bin ich sehr zufrieden hier." Im Stadtseeviertel bewohnt er eine Ein-Zimmer-Wohnung.

Mutter und Bruder sind noch im umkämpften Donezk

In seiner Freizeit trainiert Sikulskyi beim "Kinder auf der Straße"-Projekt des 1. FC Lok Stendal sozial benachteiligte Kinder beim Hallenfußball. Fünfmal die Woche geht er außerdem zum Deutschkurs ins Berufsbildungszentrum. "Die Sprache zu lernen, ist sehr wichtig für mich. Ich würde gerne noch mehr mit den Menschen hier in Kontakt kommen. Das gelingt noch nicht so gut", sagt Sikulskyi, der sich als offener und interessierter Zeitgenosse präsentiert. Zumindest mit seinen Mannschaftskameraden könne er sich auf Englisch sehr gut unterhalten.

Doch so ganz lässt ihn die Situation in seiner Heimat nicht los. Seit sieben Monaten hat Artem Sikulskyi seine Familie nicht mehr gesehen. Die Mutter und der 17-jährige Bruder halten sich noch immer im umkämpften Donezk auf. So gut es geht, versucht er, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. "Das ist nicht so einfach. In Donezk funktioniert nicht mehr viel. Zurzeit kann man nicht auf die Straße gehen, weil es zu gefährlich ist", beschreibt Sikulskyi die Situation zu Hause.

Donezk zu verlassen, sei derzeit aber keine Option für seine Familie. "Es ist schwer, aus der Stadt rauszukommen. Und in anderen Städten bietet sich auch keine Lebensperspektive. Es ist fast unmöglich, als Flüchtling Arbeit zu finden", beschreibt Sikulskyi die schwierige Lage. Seinem Vater hingegen war es in der Zwischenzeit gelungen, zu russischen Verwandten nach Moskau zu flüchten. Unter diesem Gesichtspunkt wirkt der Konflikt noch viel irrationaler als ohnehin schon.

"In Donezk gab es früher wenig Probleme zwischen Ukrainern und Russen. Ich habe viele Freunde in Russland. Der normale Mensch versteht nicht, was da passiert", beschreibt Sikulskyi die Machtlosigkeit der Bevölkerung. Deshalb hat er persönlich seine Konsequenzen gezogen.

Zurück in die Ukraine möchte er in absehbarer Zeit nicht. Seine Zukunft sieht er Deutschland, am besten in Stendal: "Ich würde sehr gerne noch länger hier bleiben. Es wäre sehr schön, wenn das klappen würde."

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