Stendal (wbi) l Gäbe es eine Meisterschaft im Schwarzfahren mit der Bahn, ein 47 Jahre alter Mann aus einem Ort im Nordwesten unseres Landkreises wäre chancenreicher Anwärter auf den Titel. Er sammelt Gerichtsurteile, die seine Fahrten mit Deutschen Bahn (DB) ohne Fahrkarte vielhundertfach belegen, so unter anderem aus Hamburg, München, Stuttgart, Koblenz, Norden, Bergen, Dresden, Suhl, Kassel, Wolgast... Und natürlich auch aus der Altmark.

1991 wurde er erstmalig vom damaligen Kreisgericht Osterburg wegen des Erschleichens von Leistungen, so heißt das Schwarzfahren korrekt im Juristen-/Bahndeutsch, zu einer Geldstrafe verurteilt. Bis heute hat der 47-Jährige für 34 Strafregistereinträge diverse Strafen kassiert. Während der (vorerst) letzten 24 Fahrten derentwegen er zurzeit vor dem Strafrichter des Amtsgerichtes Stendal steht, schwebte das Damoklesschwert einer einjährigen Bewährungsstrafe über ihm und stand er unter Führungsaufsicht einer Bewährungshelferin. Die aber hat er offenbar gemieden wie die Pest. "Keine Chance auf einen Kontakt", zitierte Richter Thomas Schulz die Bewährungshelferin. Darum stehe auch der Widerruf der Bewährung in Aussicht, merkte Schulz an.

Körperverletzung kommt noch dazu

Eine DB-Zugchefin aus Berlin gab als eine von zehn gehörten Zeugen an, dass ihr der Angeklagte fünf bis sieben Mal ohne Fahrkarte - meist zwischen Hannover und Stendal - aufgefallen ist. Sein treuer Begleiter sei dabei immer der Alkohol gewesen. Anfangs habe er ihr leid getan, später nicht mehr.

Der Angeklagte gibt alle Vorwürfe zu, will aber in "98 Prozent der Fälle" auf die Zugbegleiter zugegangen sein und sich freiwillig gemeldet haben. Die Mehrzahl der Zugbegleiter vermochte das weder zu bestätigen noch widerlegen - sie erinnerten sich nicht mehr konkret an die Umstände. Drei von ihnen aber schon. Und da war es wohl keinesfalls so, dass sich der Angeklagte bei ihnen gemeldet hatte. Im Gegenteil: "Auf die Frage nach der Fahrkarte hat er gelacht und gesagt, ob ich mir die Frage nicht selbst beantworten könne", sagte ein 41-jähriger Zugbegleiter aus Hamburg aus.

Und das Motiv für die Schwarzfahrerei? "Ich war auf eigene Faust unterwegs auf Arbeitssuche, vom Jobcenter bekommt man ja keine." Die Antwort auf die Frage, ob er jemals auf die Art und Weise Arbeit bekommen hat, blieb er indes schuldig. Weil einige Zugbegleiter als Zeugen fehlten beziehungsweise zusätzlich weitere geladen werden müssen, wurde der Prozess ausgesetzt. Am 17. März wird neu verhandelt, dann auch eine Anklage wegen Körperverletzung. Der Angeklagte soll seine Mutter geschlagen und verletzt haben, was er vorab schon mal eingeräumt hat.