Für den Bau des Kernkraftwerks bei Niedergörne wurde zum Transport des Personals und des Materials die Bahntrasse Stendal-Niedergörne ausgebaut. Frank Barby von den Stendaler-Tangermünder Einsenbahn-Freunden erläutert die Hintergründe.

Arneburg/Stendal l Vor 38 Jahren wurde mit der Bahnstrecke Stendal/Borstel-Niedergörne erstmals nach 106-jähriger Unterbrechung wieder eine Hauptbahnstrecke gebaut und in Betrieb genommen, berichtet Frank Barby. Ursprünglich zur Versorgung der Großbaustelle des Kernkraftwerkes bei Arneburg vorgesehen, hat die Strecke mit der Ansiedlung des Zellstoffwerkes und weiterer Firmen im Industrie- und Gewerbepark Altmark eine sichere Perspektive erhalten.

Die Stendaler Kleinbahn - erste Strecke auf der Trasse

Wie Barby erläutert, datieren erste Ansätze zur eisenbahntechnischen Erschließung des Gebietes von Stendal aus in nordöstlicher Richtung auf die Kleinstadt Arneburg aus dem Jahre 1894. In jenem Jahr wurde ein Bahnbau-Komitee zur Gründung der Kleinbahn-AG Stendal-Arneburg gegründet, welches den Bau einer meterspurigen Eisenbahn von Stendal über Heinrichslust, Hassel, Sanne und Bürs nach Arneburg plante. 1898 begannen die Erdarbeiten auf Stendaler Gebiet. Nach elf Monaten Bauzeit erfolgte am 7. August 1899 die landespolizeiliche und eisenbahntechnische Abnahme der Kleinbahn Stendal-Arneburg.

Der 1913 beschlossene Umbau der Strecke Stendal-Arneburg auf Regelspur wurde zügig in Angriff genommen, bereits am 2. Mai 1914 fand die Abnahme statt. Noch zehn Jahre war die Bahn selbständig, bis sie 1924 von der Stendaler Kleinbahn-AG im Zuge einer Fusion übernommen wurde.

Am 1. April 1949 endet die Geschichte der Kleinbahn als betrieblich eigenständiges Unternehmen mit der Übernahme durch die Deutsche Reichsbahn (DR). Während in der BRD die ersten Kleinbahnen stillgelegt wurden, war in der DDR durch die fehlenden Lkw und Busse die Bahn in den ländlichen Gebieten noch lange Zeit das Universalverkehrsmittel. Der Schüler- und Arbeiterverkehr lief zu 90 Prozent über die Eisenbahn, so Barby. Mit den ältesten Betriebsmitteln wurde bis in die frühen 1960er Jahre hinein der Fahrbetrieb durchgeführt. Die längst fällige schon im Krieg vernachlässigte Erneuerung der Gleisanlagen und Fahrzeuge wurde von der DR hinausgeschoben. Der parallel zu den Bahnstrecken geführten schnelleren Buslinien ließen die Beförderungszahlen in den folgenden Jahren sinken.

Am 1. Oktober 1972 wurde der Gesamtverkehr zwischen Stendal und Arneburg eingestellt und danach die Strecke stillgelegt und abgebaut. Die Entscheidung zum Bau des Kernkraftwerkes (KKW) III hatte noch keinen Einfluss auf die Strecke, da sie erst 1973 endgültig gefällt wurde. Die ehemalige Kleinbahnstrecke mit ihrem leichten und damals stark abgängigen Oberbau hätte ohnehin nicht weiter genutzt werden können.

Vorgeschichte - Entscheidung zum Bau

Die industrielle Entwicklung der DDR und die Sicherung des dazu notwendigen Energiebedarfs führten dazu, neben dem Kernkraftwerk (KKW I) in Rheinsberg (70 MW Kraftwerksleistung) und dem KKW II in Lubmin bei Greifwald (mit mehreren 440 MW Druckwasserreaktoren) auch im Bezirk Magdeburg mit der Schwerindustrie in der Stadt selbst und den nicht weit entfernten Betrieben der Großchemie in Bitterfeld, Leuna und Buna ein KKW zu bauen. Daher fasste die DDR-Regierung 1970 den Entschluss zum Bau des Kernkraftwerks-Komplexes KKW III nördlich von Magdeburg. "Unter mehreren möglichen Standorten fiel am 6. März 1973 die Entscheidung für Niedergörne", teilt Barby mit. Für diesen Standort sprach die geringe Zahl umzusiedelnder Einwohner (120 Personen), die mögliche Kühlwasserentnahme aus der Elbe und die Nähe der Stadt Stendal zur Unterbringung des Bau- und Betriebspersonals. Der Investitionsbeschluss der DDR-Regierung vom 4. Oktober 1973 umfasste die Ausrüstung des KKW III, das nun auch KKW Stendal genannt wurde, mit vier 440 MW Druckwasserreaktoren und deren Inbetriebnahme zwischen 1981 und 1988.

Um diese Ziele zu erreichen, wurde mit dem Einsatz von 10 000 Arbeitskräften auf der Großbaustelle gerechnet. Baby erläutert: "Mit der Entscheidung zum Bau des KKW bestand somit Anfang der 1970er Jahre die Notwendigkeit, die zukünftige Baustelle verkehrstechnisch zu erschließen. Da das Gebiet um das Dorf Niedergörne, das dem Bau weichen musste, keine nennenswerte Verkehrsanbindung besaß, musste sowohl eine tragfähige Straße als auch eine leistungsfähige Bahnstrecke errichtet werden."

Der Straßenbau sollte durch den Ausbau der Landstraße L 16 in eine schwerlastfähige Trasse von Stendal bis zur Baustelle bewerkstelligt werden. Für die eisenbahntechnische Erschließung war der Bau einer Neubaustrecke von Stendal nach Niedergörne vorgesehen, die der Material- und Ausrüstungstransporte sowie der Beförderung des Bau-, Montage- und Betriebspersonals dienen sollte.

Bei der Wahl der Streckenführung wurde von der DR eine direkte Führung der Trasse von Goldbeck favorisiert. Diese Variante wurde als ökonomisch günstig angesehen. Wie Barby angibt, erfolgte jedoch am 8. August 1973 auf einer Beratung beim Stellvertreter des Verkehrsministers und 1. Stellvertreter des Generaldirektors der DR der Beschluss zum Bau der Strecke Stendal-Niedergörne über Borstel-Hassel-Arneburg. "Diese Entscheidung erfolgte unter der Maßgabe, dass bei der Streckenführung über Goldbeck bestimmte Prämissen der Landesverteidigung nicht realisiert werden können. Mit dem Bau der Strecke zum KKW sollte gleichzeitig eine mögliche Umfahrung der Elbbrücke bei Hämerten realisiert werden. Auf der östlichen Elbseite wurde ein Abzweig von der Strecke Schönhausen-Sandau bei Neuermark-Lübars bis zum Elbufer vorgesehen. Auf der westlichen Elbseite war der Abzweig bei Hassel geplant und sollte ebenfalls das Elbufer erreichen", erläutert der Bahnkenner.

Bei der Projektierung der Strecke sollte eine Prüfung erfolgen, inwieweit die Trasse der ehemaligen Strecke Stendal/Ost-Arneburg genutzt werden konnte. Auf den kurzen Abschnitten von km 4,250 bis km 5,150 und von km 5,450 bis km 9,400 liegt dadurch die heutige Strecke auf alter Streckenführung der Kleinbahn. Der Einsatz moderner Sicherungstechnik wurde für den Abschnitt Borstel-Niedergörne vorgesehen, der Abschnitt von Hassel bis an das Elbufer sollte herkömmliche Sicherungstechnik erhalten.

Interessant war die Festlegung der Leistungsparameter der Strecke im November 1973, so Barby: "11 500 Personen sollten pro Tag befördert werden." Dies war zwischen Schichtbeginn 5.30 Uhr und 7 Uhr (70%) und um 18 Uhr (30%) vorgesehen. Aus der Festlegung, dass die Reisezeit der Werktätigen unter 45 Minuten (Wohnstadt-Betrieb) bleiben sollte, folgt die Vorgabe der maximalen Fahrzeit von 30 Minuten vom Haltepunkt Stendal-Stadtsee (Wohngebiet der KKW-Arbeiter) bis zum Bahnhof Niedergörne. Daraus ergab sich rechnerisch die notwendige Geschwindigkeit von 80 km/h. Jedoch bestanden bei 80 km/h keine technischen Unterschiede der Streckeninfrastruktur gegenüber dem Ausbau für 100 km/h. Somit wurde die Strecke als Hauptbahn mit 100 km/h geplant, schildert Frank Barby.

Wer Interessantes über den Bau des Kernkraftwerks zu berichten weiß, meldet sich unter 03931/68 90 41.

 

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