Eigentlich sollte diese Geschichte lediglich eine werden, die von der Wichtigkeit des Hauptschulabschlusses als dem geringstmöglichen Schulabschluss handelt. Aber die Geschichte von Rasima Tiazekbaeva ist auch eine kleine Liebesgeschichte. Und eine Geschichte, die von Flucht, Loslassen und Neuanfang erzählt.

Stendal l"Ich sage immer: Es ist ein Wunder, dass meine Frau einen Ausbildungsplatz bekommen hat. Nach nur fünf Jahren in Deutschland und mit dem Status der Duldung und mit zwei Kindern!" Afshin Sattari schaut glücklich und stolz zu seiner Frau. Mit diesen wenigen Worten erzählt er ganz kurz gefasst ein Leben.

Rasima Tiazekbaeva wird Mitte Februar 32 Jahre alt. Vor fünf Jahren kam sie mit ihrer zweijährigen Tochter nach Deutschland, sie hat ihre Heimat Russland als Flüchtling verlassen. "Aus politischen Gründen, und andere Gründe kamen dazu." Mehr möchte die junge Frau dazu nicht sagen. Im Sommer 2010 kam sie in Halberstadt an, in der zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Sachsen-Anhalt. Zwei Monate später wurde sie nach Stendal weiterverwiesen, lebte dann drei Jahre im hiesigen Asylbewerberheim. Im Oktober 2013 zog sie in ihre erste eigene Wohnung - zusammen mit Afshin Sattari.

Er ist Iraner, sie Russin. Beide sind Muslime. Die Liebe zwischen diesen beiden Menschen gibt es nur, weil sie ihre Heimat verlassen haben - als Flüchtlinge. Die Unterbringung als einander Fremde im Asyl hat sie einander nahe gebracht. "Er hatte sich schon in Halberstadt in mich verliebt, aber das wusste ich gar nicht", erzählt Rasima Tiazekbaeva mit einem Lächeln. Und wie sie später erfuhr, hatte er, dieser sympathische Mann mit den dunklen Haaren und der ruhigen Ausstrahlung, extra darum gebeten, auch nach Stendal zugewiesen zu werden, als er hörte, dass sie dorthin kommt. In der Stendaler Gemeinschaftsunterkunft begegneten sie sich also wieder.

Für Rasima Tiazekbaeva ging es mit viel Glück und eigenem Bestreben vorwärts in ihrem neuen Leben. Sie hat einen Alphabetisierungskurs belegt und noch einen weiteren Deutschkurs. Und von Februar 2012 bis Juli 2013 hat sie in der Volkshochschule Stendal einen Kurs zur Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss gemacht. Die Prüfung hat sie bestanden. Mathematik, Biologie, Geografie: sehr gut. Geschichte: gut. Deutsch: befriedigend. "Bei der Deutschprüfung war ich hst nicht gut", sagt Tiazekbaeva und fügt entschuldigend an: "Die Grammatik!"

"Wenn ich nichts tue, bleibe ich stehen."

Mit 30 den Hauptschulabschluss - das klingt für den Außenstehenden befremdlich. Es klingt nach mangelnder Bildung, nach Perspektivlosigkeit, nach einem schwierigen Fall. Assoziationen eben, die einem schnell in den Kopf kommen beim Schlagwort Hauptschulabschluss.

Dabei hat Rasima Tiazekbaeva längst viel mehr erreicht. "Ich habe in Russland den Realschulabschluss gemacht und dann eine Ausbildung als Krankenschwester." Die hatte sie auch fast beendet, als das Schicksal innerhalb eines halben Jahres gleich zweimal in der Familie zuschlug. "Im Sommer 2003 starb meine Mutter, im Jahr darauf mein Vater. Das habe ich nicht verkraftet, ich war psychisch am Ende." Ihre Ausbildung konnte sie unter diesen Umständen nicht beenden.

Alle Dokumente, ohne die ein Mensch zwar immer noch ein Mensch ist, aber kein vollwertig von der Bürokratie erfassbarer, hat sie inzwischen aus Russland bekommen, sie müssen nur noch übersetzt werden. Und wenn sie alles beisammen hat, dann könnte sie ihren Mann Afshin auch endlich nach deutschem Recht standesamtlich heiraten. Bislang sind sie "nach muslimischem Recht verheiratet", sagt Rasima Tiazekbaeva.

In Stendal hat sie mit einem Teil ihres Lebens also wieder von vorn angefangen. Hat Deutsch gelernt und den in Deutschland geringstmöglichen Schulabschluss geschafft, hat eine Ausbildung begonnen. Als Gebäudereinigerin ist sie bei der Hansestadt Stendal beschäftigt, putzt in Kitas und Grundschulen. "Es gab sechs Bewerber auf zwei Stellen, eine davon habe ich bekommen", freut sie sich und kann es selbst irgendwie noch gar nicht fassen. Beim Bewerbungsgespräch war die Drei in Deutsch kein Manko. "Sie haben zu mir gesagt: Wir verstehen Sie, und Sie verstehen uns."

Nun also lernt sie Gebäudereinigerin - die junge Frau, die so gern Krankenschwester werden wollte und will. Auch als Altenpflegehelferin hatte sie sich beworben, doch der Ausbilder hat sich nie bei ihr gemeldet.

Aber Rasima Tiazekbaeva ist nicht wehmütig, sie will nach vorn schauen. "Ich sage mir: Vergangenheit ist Vergangenheit. Es muss weitergehen. Wenn ich nichts tue, bleibe ich stehen." Und zu dieser Einstellung gehört auch, so wenig wie möglich an die Heimat zu denken. "Denn wenn ich das tue, dann vermisse ich sie und alles fällt mir schwer." Darum hat sie in Stendal auch absichtlich nicht so viele Kontakte zu Russen. "Und Fernsehen läuft bei uns nur auf Deutsch."

Mit der Sprache kommt sie ziemlich gut klar. Natürlich, ihr Akzent ist unverkennbar. Und obwohl man den Eindruck hat, dass sie alles versteht, schätzt sie sich selbst so ein: "Es gibt immer noch viele Wörter, die schwierig sind. Und manchmal verstehe ich nicht, was meine Kollegen sagen." Gleich am ersten Arbeitstag hat sie allen aber auch ganz offen gesagt: "Wenn Sie mit mir reden, reden Sie bitte langsam." Das braucht man inzwischen aber nicht mehr.

"Erst einmal möchte ich die Ausbildung schaffen."

Während sich seine Frau im Gespräch befindet, hantiert Afshin Sattari in der Küche und bereitet das Abendessen vor. Einmal ruft er seine Frau zu sich, kurz darauf kommt sie mit einem frisch aufgebrühten Tee für den Gast zurück. Später setzt sich Sattari doch noch dazu, gerät einerseits ins Schwärmen, wie glücklich sie sein können, dass es mit dem Ausbildungsplatz geklappt hat. Andererseits hat er es zur Genüge erlebt, wie mühsam es sein kann, als Ausländer akzeptiert zu werden. "Bei Bewerbungen werden Deutsche bevorzugt, da hat man es sehr schwer", sagt er und berichtet von Freunden afghanischer Herkunft, die es deutschlandweit probiert haben - bislang erfolglos.

Sattari selbst ist studierter Mediziner. Eine Arbeit hat er hier noch nicht. Darum hat er die Rolle des Hausmanns eingenommen. "Nur deshalb hatte ich Zeit zu lernen, konnte ich den Hauptschulabschluss machen und die Sprachkurse, dafür bin ich ihm sehr dankbar", sagt seine Frau. Und nur so kann sie ihre Ausbildung machen, für die sie manchmal zur Berufsschule nach Magdeburg muss. Er kümmert sich in der Zeit um die fast siebenjährige Tochter und den gerade ein Jahr alt gewordenen gemeinsamen Sohn, erledigt den Haushalt, kocht.

Ihre Zukunft wagen sie sich noch gar nicht auszumalen. "Das wissen wir noch nicht", sagt Rasima Tiazekbaeva nachdenklich. "Erst einmal möchte ich die Ausbildung schaffen, und wenn ich eine Aufenthaltserlaubnis bekäme, das wäre schön."

Sicher, Stendal ist nicht die Art von Stadt, die beide gewohnt sind. Hier geht es um einiges beschaulicher zu als dort, wo sie bis vor einigen Jahren noch gelebt haben: er in Teheran, sie in Kaliningrad. "Wir haben hier zu Hause unsere kleine Welt", sagt Rasima Tiazekbaeva, lässt den Blick kurz durch das spartanisch eingerichtete Wohnzimmer schweifen. Und in dieser Welt wird ausschließlich Deutsch gesprochen. "Mein Mann kann kein Russisch und ich kein Farsi", sagt sie lachend. Ein großer Vorteil also, dass beide eine andere Herkunft haben.

Die Tochter, in Russland geboren, spricht ein wenig Russisch, "aber viel besser Deutsch", sagt ihre Mutter. Und der ein Jahr alte Sohn sagt außer "Mama" und "Papa" sowieso noch nicht viel. Für ihn wird Deutsch genau wie für seine Schwester einmal eine Selbstverständlichkeit sein.

Einen speziellen Kurs jedenfalls werden beide nicht besuchen müssen. Ihr Weg in die Zukunft dürfte damit eine Hürde weniger haben als der ihrer Eltern.