Die Diskussionen um das Tangerhütter Kulturhaus und eine Belebung des Neuen Schlosses bewegen auch ehemalige Einwohner. Einer von ihnen, Björn Menzel, sagt: "Das Neue Schloss ist aus meiner Sicht das einzige Identifizierungsobjekt für die ganze Kommune und hat ein Riesenpotenzial!" Er weiß, wovon er spricht.

Tangerhütte l Björn Menzel, Journalist und Autor aus Leipzig, ist zugleich auch Absolvent des Tangerhütter "Altmärkischen Gymnasiums" und Wegbegleiter des heutigen Bürgermeisters Andreas Brohm. Er weiß genau, wovon er spricht, wenn er dem Neuen Schloss in Tangerhütte einiges mehr zutraut, als dort heute passiert. Im Jahre 2000 organisierten er und Brohm als gerade 21-Jährige stolze 47 Veranstaltungen mit mehreren tausend Besuchern am und im Schloss, und das allein zwischen März und November.

Wie damals alles anfing, erzählt er im Gespräch mit der Volksstimme: Als Kabarettgruppe "Die Ningdongs" starteten Menzel, Brohm, Nando Lierath und Christiane Zetsche 1997. Bis 2004, als am vorletzten Tag des Jahres ihr letzter gemeinsamer Vorhang als "Ningdongs" fiel, hatten sie sich in der Region einen Namen gemacht, der bis heute nachhallt. Und sie haben Kreativität versprüht.

"Ab 1998/99 haben wir nach neuen, interessanten Auftrittsorten gesucht, einmal haben wir auch im alten Schwimmbecken der stillgelegten Schwimmhalle in Tangerhütte gespielt, erst danach wurde sie auch anders genutzt", erzählt Menzel.

Das Neue Schloss geriet in den Fokus der "Ningdongs", als sie nach einem Aufführungsort für einen "Herricht-und-Preil-Abend" suchten. Es wurde die allererste kulturelle Veranstaltung im Neuen Schloss und sie war als Andenken zum Tode von Hans-Joachim Preil, der am 2. November 1999 verstorben war, gedacht. "Wir kannten Hans-Joachim Preil nicht nur von Kindheit an, wir haben ihn im März 1999 auch noch selbst getroffen. Er hatte uns die Genehmigung gegeben, seine Sketche auch aufführen zu dürfen. Wir waren wohl die einzige Kabarettgruppe in Deutschland, die einen solchen Brief hat." Weil zu seinen Ehren ein besonderer Rahmen gefunden werden sollte, kamen die jungen Kabarettisten kurzfristig auf das Neue Schloss.

Es war erst ein Jahr zuvor leergezogen worden. Das Internat der Körperbehindertenschule nutzte es, nachdem das langjährig dort untergebrachte Pflegeheim ausgezogen war. "Das Schloss stand wieder leer und viele Menschen wollten einfach wissen: `Wie sieht es von innen aus?`" Der erste Kabarettabend im Saal des Neuen Schlosses war ein Riesenerfolg. Erst danach kam die Idee, ein Konzept zu entwickeln und noch mehr auf die Beine zu stellen.

Einen Fünf-Jahres-Vertrag bekamen Menzel und Brohm, damals noch Studenten, die sich für ihr Startup im Neuen Schloss vom Studienbetrieb beurlauben ließen, von der Stadt. An die Gerüche von Desinfektionsmitteln und die zurückgebliebenen Wohnheim-Möbel erinnert sich Björn Menzel bis heute. Sie schafften vom Glas bis zum Tresen alles selbst an und legten los.

Mit Freunden und der Unterstützung ihrer Familien wurden großangelegte Putzeinsätze organisiert, bevor beispielsweise der große Schlossball mit der Tanzschule Schier und Rösel über die Bühne gehen konnte. Die Besucher waren begeistert und kamen in Scharen.

Eine Kinonacht, eine Modenschau mit der aus Tangerhütte stammenden Cindy Steffens, Aktionen zum Himmelfahrtstag und zum Parkfest, mehrere Ausstellungen und Konzerte, aber auch private Feiern, Hochzeiten und Firmenjubiläen wurden im Schloss über die Bühne gebracht. Für den großen Schlossball musste auch das erste Obergeschoss (über der "Belle Etage") geöffnet und mit Tischen und Stühlen ausgerüstet werden, damit alle Gäste Platz hatten. Im Kaminzimmer wurde getanzt und im großen Saal gab es eine Bühne.

"Wir haben nur das Catering bei solchen Veranstaltungen bestellt, alles andere haben wir selbst organisiert", erzählt Menzel. Der Vertrag wurde nach dem ersten Jahr vonseiten der Stadt nicht weitergeführt, die jungen Leute widmeten sich anderen Aufgaben.

Für Björn Menzel soll der Rückblick jetzt, nach 15 Jahren, vor allem eines sein: ein Denkanstoß dafür, was möglich ist, "wenn man an einem Strang zieht". Die Chance für Schloss und den inzwischen umfangreich restaurierten Stadtpark sieht er nicht nur in der Kultur allein, sondern auch im Ausbau des Tourismus.

"Mich erschreckt es, wenn ich nach 15 Jahren ins Neue Schloss komme und das Gefühl habe, die Zeit ist stehengeblieben", erzählt er im Gespräch mit der Volksstimme. Das Neue Schloss sei auch in seiner Familie immer Thema gewesen. Ähnlich dürfte es vielen Familien in der Region gehen. "Wenn man sich nicht auf die Perspektiven für diese Region besinnt, braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn immer mehr zugemacht wird", sagt Björn Menzel.

   

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