Stendal l "Jetzt biegst Du links hier rein und dann üben wir mal Gefahrenbremsen", weist Fahrschullehrer Joachim Schulz seine Schülerin Silvana Schmieter in einer vertraut wirkenden Art und Weise an. Kein Wunder, die beiden kennen sich schon seit vergangenen Oktober, denn da hatte Silvana angefangen bei "Achim", wie sie ihren Lehrer nennt, Fahrunterricht zu nehmen. An und für sich sind das Szenen einer klassischen Fahrstunde. Das Besondere dabei ist jedoch: Silvana ist erst 17 und wird, wenn alles gut geht, ihren Führerschein Klasse B in wenigen Wochen in der Tasche haben.

Für die Gefahrenbremsung, die seit einiger Zeit prüfungsrelevant ist, wie Achim verrät, biegt Silvana auf eine wenig befahrene Straße ab. Dreimal ruft Achim "Stopp!" und die 17-Jährige muss abrupt auf die Bremse treten. "Merkst Du, wie das ABS ausgelöst wird?", fragt Achim seine Schülerin. Mit der Übung will er ihr die Angst vorm Bremsen nehmen, wie er sagt.

Ihre theoretische Prüfung hat Silvana bereits bestanden, eine Überlandfahrt nach Braunschweig haben die beiden auch schon hinter sich gebracht. "Wir haben das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und ich war dort shoppen", erinnert sie sich. Jeden zweiten Tag in der Woche nimmt Silvana Fahrstunden, sie will rasch die Prüfung hinter sich bringen, sagt sie.

Selbst zur Arbeit fahren, satt auf den Bus warten

Seit vergangenem Jahr macht Silvana eine Ausbildung bei der Kreissparkasse in Stendal. Von dort wird sie während ihrer Lehrzeit in weitere altmärkische Filialen geschickt. "Wenn ich den Führerschein habe, kann ich da selbst hinfahren", freut sich die 17-Jährige. Auch, wenn sie dann vielleicht schon 18 sein wird. Bis dahin darf sie nach bestandener Prüfung im Beisein ihres Vaters mit dessen Wagen fahren. "Papa spielt dann den Beifahrer", sagt sie. In wenigen Wochen will sie die Prüfung bestehen. Fahrschullehrer Achim räumt ihr dafür gute Chancen ein.

"Wer mit 17 die Fahrerlaubnis macht, darf schon alleine Motorroller fahren", sagt er. Das sei insbesondere für "Kinder vom Lande" reizvoll, denn dann müssten sie nicht auf die Eltern oder den Bus warten. Joachim Schulz war, wie er zugibt, skeptisch, als das Projekt "Begleitetes Fahren 17" in Sachsen-Anhalt möglich wurde, ob es Früchte tragen würde. Heute ist er davon überzeugt, dass die Jugendlichen im Beisein eines Erwachsenen viel gründlicher auf die Zeit vorbereitet würden, wo sie sich alleine am Steuer durch den Verkehr schlängeln müssen. "Die Unfallstatistik gibt mir da Recht", sagt der Fahrschullehrer. Die Jugendlichen lernen so ein besseres Gefühl für das Verkehrsgeschehen sowie mehr Verantwortung für Mitfahrer zu entwickeln.

Hälfte der Fahrschüler sind unter 18 Jahren

Die Nachfrage nach Fahrunterricht im Alter von 16 oder 17 Jahren ist Joachim Schulz zufolge gestiegen. "In meiner Fahrschule sind knapp die Hälfte aller Fahrschüler unter 18", sagt er. Er selbst habe 1979 seinen Führerschein gemacht, damals gleich mit einem Lkw. Seit 33 Jahren ist er Fahrschullehrer. "Ich bin schon eine Stendaler Instanz geworden", witzelt Achim.

Joachim Schulz beobachtet seit knapp zwei Jahren einen weiteren Trend. Seit Mai 2013 dürfen Jugendliche mit 15 Jahren in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bereits ihren Motorrollerführerschein (Klasse A1) machen. "Die Ausbildung findet vom Frühjahr bis zum Herbst statt und findet gute Resonanz", erklärt er.