Morgen vor 70 Jahren erlebte Stendal den schwersten Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges. Hauptziel war der Bahnhof, besonders betroffen aber war Röxe.

Stendal l 17 Jahre ist er jung, als an jenem Februartag des letzten Kriegsjahres die Bomben auf seine Röxer Heimat fallen. Er selbst ist nicht daheim, sondern einige Kilometer entfernt in Kläden - im zweiten Jahr seiner kaufmännischen Lehre. Und dennoch erlebt er den Luftangriff mit. "Die Bomber-Pulks waren am wolkenlosen Himmel, in großer Höhe, ganz deutlich zu erkennen. Englische Tiefflieger jagten niedrig über unser Dorf hinweg und verbreiteten Angst und Schrecken. Vereinzelt sahen wir über Stendal Flagabwehrgranaten in der Luft explodieren. Meine Gedanken waren zu Hause", schreibt der heute 87-Jährige in seinen Erinnerungen. Die bringt er für seine Kinder und Enkel zu Papier. Diesem dunklen Kapitel Röxer Geschichte widmet sich Christian Jung aber auch in seinem Buch "Röxe - Das Dorf vor den Toren der Stadt".

Der 17-Jährige macht sich Sorgen um seine Familie. Er möchte schnell nach Hause. Der Chef erlaubt es ihm - aber die Zugverbindung gibt es nicht mehr. "Ich fuhr an diesem Tage, wie später noch sehr oft, mit meinem Fahrrad nach Hause", erinnert sich der Röxer. Von Kläden geht es über Steinfeld, Möringen, Tornau und Wahrburg heim. "Die Ungewissheit, was zu Hause passiert ist, beschleunigte meine Fahrt", fasst es Christian Jung zusammen. Von den "Röxer Alpen" kommend schaut er auf die Heimat. Und sieht, dass sein Elternhaus, Kirchstraße 12, noch steht. Als er sein Ziel erreicht, repariert sein Vater gerade große Löcher im Hausdach. "In diesem Moment war ich sehr froh und glücklich. Am gleichen Tage bekam ich weitere sehr traurige Eindrücke vom Umfang der großen Zerstörungen", formuliert es Christian Jung in seinen Erinnerungen.

Was er meint, sagt er vor einigen Tagen im Gespräch mit der Volksstimme. Er berichtet von den vielen toten Soldaten, aufgereiht auf dem Betriebsgelände der Schwellentränke der Rütgerswerke. Die Soldaten, deren Truppenzug gerade auf dem Bahnhof stand, hatten hinter den aufgestapelten Schwellen Schutz gesucht. "Der Anblick ist nicht so einfach", sagt Christian Jung. Bis dahin hatte er nur eine Tote gesehen - seine Mutter. Sie starb, als der Junge acht Jahre alt war.

"Wir haben die Erschütterung gespürt"

Helga Jung, geborene Löbner

Einfach zu verarbeiten sei auch die Nachricht nicht gewesen, dass das Gebäude direkt neben seiner ehemaligen Schule komplett zerstört worden war. "Einige meiner Spielkameraden und Lehrer kamen darin ums Leben. Wissen Sie, was das für einen Eindruck macht?", sagt der Röxer. Viele andere Gebäude, mit denen Christian Jung Kindheits- und Jugenderinnerungen verbindet, fallen an jenem 22. Februar 1945 den Bomben zum Opfer, darunter die Gaststätte "Kaiser Friedrich", das Umspannwerk, die Turnhalle des MTV.

Zerstört wird an diesem Tag auch ein mehrstöckiges, massives Wohnhaus am Ende der Lüderitzer Straße. Das Haus, in dem sich die Fleischerei Deuter befindet. Und das Haus, in dem die Schulfreundin von Helga Löbner wohnt. Beide sind auf dem Heimweg von der Schule, sind fast schon zu Hause, als die Sirenen einen Luftangriff ankündigen. Sie wissen, dass sie schnell einen Luftschutzkeller oder -bunker aufsuchen müssen. Die Mädchen laufen, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Freundin fordert Helga auf, mit in den Keller des Wohnhauses zu kommen. "Aber meine Mutter hatte gesagt, ich soll gleich nach der Schule heim kommen. Darum bin ich weitergelaufen", erzählt die heute 79-Jährige. Und sie läuft die gut 600 Meter zum Zuhause an der Gardeleger Straße. Dort wartet die besorgte Mutter schon auf sie, einen Koffer und eine Tasche mit dem Notwendigsten in den Händen.

Heute sagt sie: "Zum Glück bin ich nicht bei meiner Freundin geblieben." Denn das Mädchen und deren Familie werden unter den Trümmern des Hauses begraben. Helga und ihre Mutter überleben den Angriff in einem Unterstand ganz in der Nähe ihres Wohnhauses. Sie überleben in einem ausgeschachteten Graben, mit dicken Holzbalken verschalt, abgedeckt mit Erde. Etwa hundert Menschen finden darin Platz. Kaum angekommen, wird die Tür des Unterstandes verschlossen - und schon bald schlagen die ersten Bomben in der Umgebung ein. "Wir haben die Erschütterungen gespürt", erinnert sich die Röxerin. Die Druckwellen lassen den Unterstand schwanken, die Mutter nimmt ihre Tochter in die Arme.

Die vielen Toten - auch für das Mädchen ist der Anblick eine der prägendsten Erinnerungen an jenen Tag.

Zehn Jahre nach dem schrecklichen Ereignis, im September 1955, heiraten Helga Löbner und Christian Jung. Noch heute wohnt das Paar in Röxe.

 

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