Stendal l Syrien ist für Fadi A. nur noch ein Umriss. Unzählige Male hat er ihn im Lauf des vergangenen Jahres erklärt, hat in die Skizze, die er zur besseren Veranschaulichung zeichnet, Ortsnamen wie Aleppo, Homs und Damaskus eingetragen. Und dann teilt und umkringelt er diese Städte mit dem Stift, zeichnet Strichellinien durch Syrien und beginnt, Religionsgruppen, Rebellengruppen und Gebietseroberungen zu erklären.

Syrien und der Krieg - für uns hier sind das Bilder und Berichte in den Medien. Irgendwie weit weg. Und unfassbar.

Syrien und der Krieg - für Menschen wie Fadi A. ist es Teil ihres Lebens. Und ebenso unfassbar. Hoffnungslosigkeit, Fatalismus und Anklage schwingen mit, wenn der Blick des Syrers Fadi A. auf sein Heimatland fällt. Und immer auch ein bisschen Angst. Deswegen möchte der 35-Jährige seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen, möchte nicht fotografiert werden.

Im April vorigen Jahres kam Fadi A. mit seiner Frau aus dem von Krieg und Islamterror zerrütteten Syrien nach Deutschland. Er hat eine Facharztausbildung als Internist und Radiologe, fand über eine Agentur seine jetzige Stelle als Assistenzarzt am Johanniter-Krankenhaus Genthin-Stendal.

Ein Freund wurde von Heckenschütze getötet

Sein Beruf bereitet ihm Freude. "Ich bin Arzt geworden, weil ich für die Patienten eine Lösung finden und ihnen helfen möchte. Es ist schön, wenn sich ein Patient für die Behandlung bedankt."

Und er würde diesen Beruf gern in seinem Heimatland ausüben. Doch das ist zu gefährlich. In Syrien zählte Fadi A. zu den zehn Prozent der Bevölkerung, die der christlichen Minderheit angehören. Christen werden verfolgt, rund ein Drittel des Landes ist von der Terrororganisation Islamischer Staat und islamistischen Milizen besetzt.

Fadi A. sagt, er habe auf keiner Seite gestanden, seit im Frühjahr 2011 aus Demonstrationen gegen die syrische Regierung Bürgerkrieg wurde. Aber er findet: "Assad war gut, er hat Syrien entwickelt, es gab keine Religionskonflikte." Den Islam als Religion respektiert er, sagt Fadi A., dessen arabischer Vorname soviel wie Erlöser bedeutet. "Ich habe muslimische Freunde, aber unter der Scharia kann ich nicht leben. Religion und Staat müssen getrennt sein." Dass ein Teil der syrischen Bevölkerung einen Islamischen Staat will, lehnt er ab. "Ich möchte, dass es in Syrien eine Demokratie gibt, dass sich mein Land entwickelt."

Mehr als zweieinhalb Millionen weitere Syrer wollen das offenbar auch. Sie sind, weil sie sich ihres Lebens nicht mehr sicher sein können, aus ihrem Land geflohen, neun Millionen weitere sind innerhalb Syriens auf der Flucht.

Die Wohnung von Fadi A. in Aleppo ist zum Teil zerstört, die von Bekannten in Homs gibt es nicht mehr. In den Städten gibt es kein Wasser, Strom nur auf Raten über Generator. Ein Onkel von Fadi A. ist noch in Aleppo, ebenso sein bester Freund. Kontakt hält er über E-Mail, Facebook und Telefon. Die Bilder von der vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt zu sehen, schmerzt Fadi A. Vor kurzem hat er erfahren, dass in seinem Viertel ein Freund von einem Heckenschützen erschossen wurde. "Dieses Gefühl ist hart. Ich bin gegen diese Kämpfe. Ich bin gegen Krieg."

Und er macht dem Westen Vorwürfe. "Amerika und Westeuropa könnten Einfluss auf die Regierung nehmen. Ich verstehe nicht, warum sie den Konflikt immer weiter anheizen durch Waffenlieferungen. Warum werden nicht Universitäten aufgebaut?" Fadi A. ist zornig, aufgewühlt - nach außen wirkt er dennoch ruhig und besonnen.

In Deutschland, wo er als katholischer Christ seinem Glauben nach gar nicht weiter auffallen müsste, ist Fadi A. wiederum in einer Minderheit: Hier ist er Ausländer. "Darüber denke ich nicht nach, die Kollegen und auch die Menschen in Stendal sind freundlich", sagt er. "In jedem Land gibt es Traditionen, und die muss man respektieren. Jeder, der hier lebt, sollte das tun."

Ganz fremd ist ihm Deutschland nicht - 1979 wurde er in Koblenz geboren, dort arbeitete sein Vater, ein Syrer, als Internist. Als der Junge fünf Jahre alt war, ging die Familie zurück nach Syrien. Fadi A. studierte in Jordanien Medizin, machte in Syrien die Facharztausbildung als Radiologe, studierte ein paar Monate in den USA, arbeitete kurzzeitig in der Praxis seines Vaters mit, hatte dann mit einem Kollegen eine eigene Praxis. Die mussten sie bald schließen. "Die Lage wurde immer riskanter, für Christen ist es gefährlich, sich in bestimmten Regionen aufzuhalten."

Die Sehnsucht nach Syrien bleibt

Im November 2012 entschied Fadi A. sich, dass er nach Deutschland gehen würde. "Ich hatte das Gefühl, dass es in Syrien nicht mehr besser wird. Und wir lebten in Angst. Mein Vater hat mir viel über Deutschland erzählt, ich bin ja dort geboren und ich wollte als Arzt arbeiten." Und als ob es noch ein Argument mehr bräuchte, fügt er lachend an: "Außerdem mag ich Fußball, ich bin immer für Deutschland!"

Am Goethe-Institut im Libanon machte er einen Deutschkurs, dem schloss sich ein Spezialkurs für Mediziner an. Mit einem Arbeitsvisum konnte er nach Deutschland reisen. Hier wurde das Visum dann in eine Aufenthaltserlaubnis umgewandelt, da er eine Arbeitsstelle vorweisen konnte.

"Es ist nicht einfach, sein Heimatland zu verlassen", sagt er nachdenklich. "Es war die richtige Entscheidung, herzukommen. Aber ich vermisse meinen besten Freund. Und die Heimat natürlich. Es war ja eigentlich alles gut..." Bis der Krieg über sein Land hereinbrach.

Für Fadi A. war der erzwungene Weggang aus Syrien mit einer Perspektive verbunden. "Hier in Deutschland herrscht Ärztemangel", sagt er, "deswegen habe ich großes Glück gehabt."

Die Sehnsucht nach Syrien bleibt. Nach bestimmten Geräuschen und Gerüchen, nach Vertrautem. Große Hoffnung hat Fadi A. nicht, aber er verliert sie auch nicht ganz. "Wenn es wieder friedlich sein sollte eines Tages, dann möchte ich wieder hin."