Stendal l Sterben die Menschen im Landkreis Stendal anders als in anderen Landstrichen der Republik? Und hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwas innerhalb des Landkreises verschoben? Das sind Fragen, denen die Stendaler Amtsärztin Dr.Iris Schubert in den vergangenen zwölf Monaten nachgegangen ist, um einen Gesundheitsbericht "Todesursachen" vorlegen zu können. Ergebnisse stellte die Mitarbeiterin des Landkreises vor kurzem im Kreissozialausschuss vor. Einige interessante Fakten: Es gibt Anstiege bei Krebserkrankungen allgemein und bei den Atmungssystemen speziell. Starke Anstiege sind auch bei Krankheiten des Nervensystems sowie bei den Verhaltensstörungen und Psychischen Krankheiten sowie Diabetes (Typ 2) zu verzeichnen - wohlgemerkt als Todesursache. Ein Problem im Kreis sind infektiöse Erkrankungen, die sich verdoppelt haben und ein Fünftel über Landesdurchschnitt liegen.

"Ziel war es, durch die Analyse der Todesursachen Gesundheitsvorsorge anschieben zu können", sagte Iris Schubert. "Wie man alt wird und wie man stirbt, hat man ein Stück weit selbst in der Hand", sagte die Amtsärztin im Sozialausschuss. Beispielsweise würden 48 Prozent der Frauen und nur 27 Prozent der Männer zur Krebsvorsorge gehen. Sie empfehle ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre eine Check-up-Untersuchung.

Todesscheine sind zu zehn Prozent fehlerhaft

Es sei keineswegs selbstverständlich, dass die Todesursachen-Daten für die Gesundheitsbehörde übersichtlich darliegen. Die Daten mussten aus mehreren Quellen zusammengestellt werden (siehe Info-Kasten). "Ohnehin gibt es bei dem Bericht einen höheren Unsicherheitsfaktor, da die Daten sehr von der Qualität der Todesbescheinigung abhängen", sagte Iris Schubert. Der Schein wird von dem Arzt ausfüllt, der den Tod festgestellt hat. "Zehn Prozent der Scheine werden zurückgeschickt, weil sie fehlerhaft sind", sagte die Amtsärztin.

Im Landkreis Stendal gibt es jährlich mittlerweile über 1600Sterbefälle. Die Zahl ist ansteigend, obwohl zwischen 2002 und 2012 die Einwohnerzahl um rund 13 Prozent gesunken ist - ein klares Indiz dafür, dass es immer mehr ältere Menschen in der Region gibt. Im Landkreis sind 41,8Prozent der Menschen 65Jahre und älter (landesweit liegt die Zahl bei 24,5 Prozent).

Rund die Hälfte der Menschen - egal ob Männer oder Frauen - sterben im Landkreis Stendal durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hieran hat sich auch in den vergangenen zehn Jahren nicht signifikant etwas geändert. Herz- und Hirninfakte, Schlaganfall, Herzstillstand und auch Lungenembolien zählen dazu.

Eine starke Veränderung konnte Iris Schubert aber bei den "bösartigen Neubildungen", also vorrangig Krebsarten, feststellen. Im Bereich der Verdauungsorgane sind besonders Magen, Dickdarm und Mastdarm betroffen. Allerdings ist zwischen 2002 und 2013 die bösartige Neubildung des Magens um 33,3 Prozent gesunken, während Dickdarm und beim Mastdarm eine Steigerung von 23,1 Prozent vorliegt. Bemerkenswert sei außerdem, dass vor zwölf Jahren Männer und Frauen noch gleichermaßen betroffen waren, sich das Verhältnis mittlerweile zum Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel zu Ungunsten der Männer verschoben habe, berichtete Schubert. Geringere Vorsorge der Männer könne sich hier ausgewirkt haben.

Todesfälle mit Diabetes sind stark angestiegen

Umgekehrt könne bei Frauen eine erhöhte Zahl bei Erkrankungen der Atmungsorgane als Todesursache festgestellt werden. Die Zahl nahm innerhalb von zehn Jahren um fast vierzig Prozent zu. 2002 waren 16 Frauen und 61Männer betroffen, 2013 lagen die Zahlen bei 64 und 27. "Hier scheint sich langfristig auszuwirken, dass das Rauchen nicht mehr eine Männerdomäne ist", sagte Schubert.

Bei Erkrankungen des Nervensystems - zu denen Alzheimer und Parkinson zählen - gibt es eine starke Steigerung und einen um ein Drittel höheren Anteil gegenüber dem Landesdurchschnitt. Auch dies ein Resultat der demografischen Altersstruktur.

Auch bemerkenswert: Die Todesfälle von Diabetes mellitus (Typ 2) sind stark angestiegen, "obwohl die Behandlung in Deutschland auf sehr hohem Niveau erfolgt". 2003 gab es 39Todesfälle im Landkreis, 2012 waren es 54. Kurios bei den Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten: 2012 gab es vier Fälle, bei denen Menschen verhungert sind.

Ein höchst problematisches Feld ist im Landkreis Stendal der Umgang mit multiresistenten Erregern. "Hierzu muss eine Strategie entwickelt werden", sagte Schubert. Um einer Verbreitung entgegenzuwirken, müssten Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und ambulante Ärzte zusammenarbeiten. Bereits 2012 wurde ein Netzwerk gegründet. Im Landkreis hatte sich die Zahl der Todesursache infolge von Sepsis seit 2003 verdoppelt und liegt ein Fünftel über Landesschnitt. Eine Ursache sei, dass Behandlungen mit Antibiotika vorzeitig abgebrochen werden. Immerhin waren 2012 zwanzig Todesfälle zu registrieren. Auch die Handhygiene müsse thematisiert werden.

Den Statistiken ist ebenfalls zu entnehmen, dass zu starker Alkoholkonsum als Todesursache rückläufig ist. Während die Leberzirrhose 2012 landesweit in 2,4Prozent der Fälle todesursächlich war, so war dies in Stendal bei 1,8 Prozent der Fälle so. 2003 gab es im Landkreis 34 Fälle (25 Männer, 9 Frauen) und 2012 22 Fälle (18 Männer, 4 Frauen).

Drei Menschen starben 2012 auf dem OP-Tisch

Bei den nichtnatürlichen Todesfällen (2012: 50 Fälle), zu denen Unfälle, Suizide und sonstige Todesfälle gehören, liegt der Verkehrsunfall an der Spitze. Von den acht Verkehrstoten waren fünf Männer im Alter von 29 bis 37 Jahren. Es gab weiterhin sechs tödliche Stürze und fünf Menschen, die ertrunken sind. Drei Menschen sind bei einer Krankenhaus-OP verstorben.

Insgesamt gab es 2012 zwölf Suizide (davon neun Männer), acht haben sich stranguliert. Der Landkreis liegt mit einer Rate von 0,7 Prozent unter dem Landesdurchschnitt (1,2 Prozent). "Suizide sind eine Domäne der Männer", sagt Iris Schubert. Frauen würden beispielsweise bei psychischen Erkrankungen (Depressionen) eher den Weg zum Arzt finden. Die Amtsärztin sieht ein Präventionspotential, in dem die Männerdepression intensiver behandelt werde.

Nicht immer kann der leichenschauhaltende Arzt nur durch die äußere Leichenschau sowie die Berücksichtigung der Vorerkrankungen und Umstände des Todes eine abschließende Todesursache bestimmen. 2012 gab es 45 Todesfälle (von 1643), bei denen es zunächst einen ungeklärten Tod gab. Bei acht dieser Fälle wurde eine Obduktion veranlasst, bei denen allerdings jeweils eine natürliche Todesursache festgestellt werden konnte. "Zu DDR-Zeiten gab es immer eine Obduktion", sagte Schubert.

Der 77-seitige Gesundheitsbericht findet sich unter www.landkreis-stendal.de unter "Gesundheit+Soziales", "Gesundheits-Infos".

   

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