Stendal. Ein Zweig nach dem anderen fliegt er heran, bessert sein Nest aus, macht es fein für die Saison. Und zunächst vor allem für "Sansibar". So nennt Carola Klefeldt die Storchendame, die meist ein bis zwei Wochen nach "Adebar" aus dem Süden zurückkehrt und damit die Hinterhofliebe perfekt macht. "Es ist ein Schauspiel, wenn sie dazukommt", sagt Carola Klefeldt. Sie ist eine von vielen Storchenfreunden aus der Nachbarschaft, in der man sich in den vergangenen Tagen immer wieder gegenseitig gefragt hat, ob "er" denn schon da sei... Ja, seit Sonnabend. Da zeigte sich der majestätische Vogel in seiner ganzen Schönheit. Hoch oben auf dem Schornstein einer alten Bäckerei, umgeben von hunderten Fenstern, auf dem Präsentierteller also.

Das Männchen kommt immer zuerst

Der Storch eröffnet in Stendal die Saison. Die Horste in Borstel und Wahrburg sind noch unbesetzt. Torsten Friedrichs geht davon aus, dass es sich um einen Westzieher handelt. Und vielleicht komme er gar nicht aus Afrika, sondern aus Spanien. "Da gibt es seit einigen Jahren eine Überwinterungstradition", sagt der Vorsitzende des Ornithologenvereins Altmark Ost.

Carola Klefeldt habe Recht: Zuerst sind die Männchen zurück. "Befragungen haben nichts anderes ergeben", scherzt Friedrichs. Diese Reihenfolge liege in der Natur der Sache. Das Männchen macht das Nest fein und bietet dann seinem Weibchen den Nistplatz an.

Der Horst in der Stavenstraße sei schon mehr als 40 Jahre alt, es handele sich mindestens um das dritte Pärchen. Warum sich die Vorgänger nun ausgerechnet diesen Standort ausgesucht haben, sei ihm schleierhaft. "Er hat auf jeden Fall keine ideale Lage", so Friedrichs. Aber Störche hätten eine Horstbindung, und einmal ausgesucht, würden sie bei ihrer Entscheidung bleiben.

Höchstens drei Storchennester in Stendal

Carola Klefeldt freut das sehr. Sie wohnt seit 13 Jahren in der Stavenstraße. Jedes Jahr trägt sie in ihrem Kalender ein, wann der Storch oder besser die Störche gekommen sind. Über die Jahre habe sie so die Gewohnheiten der Vögel studiert. Sie kennt das schwer zu beschreibende "komische Fiepen" der Jungstörche, weiß, dass sich die Elternvögel mit der Fütterung abwechseln und auch, dass ihr Adebar um diese Zeit seinen Horst nicht lange verlässt. "Er ist gleich wieder hier, holt bestimmt nur Zweige." Meistens fliege er den Schornstein aus Richtung Ostpark an. Oder er kommt von den Wiesen am Arnimer Damm, weiß Storchenexperte Friedrichs. Mehr als drei Nester würden sich übrigens seiner Einschätzung nach in Stendal nicht halten können. "Das geben die Bedingungen nicht her."

Der Storch als Wetterfrosch

Carola Klefeldt samt Nachbarschaft ist ohnehin schon mit einem Paar vollauf zufrieden. Es sei übrigens auch gut als Wettervorhersage zu gebrauchen. "Wenn die Störche Junge aus dem Nest schmeißen, gibt es im Sommer weniger Nahrung - weil es so trocken ist." Das jedenfalls habe sie so beobachtet.

Wie immer freut sich die Stendalerin vor allem auf das Schauspiel, wenn der Nachwuchs auf dem Nest seine Flugübungen macht. "Das sieht einfach zu schön aus." Um den 24. August verlassen die Vögel dann ihren Hinterhof. "Mit ziemlicher Sicherheit verliert sich das Elternpaar während des Zuges gen Süden", sagt Friedrichs. Erst im Jahr darauf finden sich Männchen und Weibchen wieder. In der Stavenstraße, wo sie hinter den Fenstern von ihrer Fangemeinde schon erwartet werden.