Stendal l Das Amtsgericht hat am Mittwoch eine bislang rechtlich unbescholtene, aber nach eigenen Angaben selbst Drogen konsumierende Stendalerin wegen Abgabe von Rauschgift an ihre zur Tatzeit 14 Jahre alte Tochter zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Haftstrafe wurde für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss die Frau 300 Euro an einen gemeinnützigen Verein zahlen.

Bei den Drogen habe es sich "nicht um eine einfache Tüte Gras, sondern um eine Ladung hochwertiges Amphetamin gehandelt". Das sei dem Gesetz nach ein Verbrechen - "keine Bagatelle" - und werde mit mindestens einem Jahr Gefängnis geahndet, sagte der Vorsitzende des Schöffengerichts, Richter Thomas Schulz, in der Urteilsbegründung.

In das Urteil flossen unerlaubter Besitz von 1,4 Gramm Cannabis, das bei einer polizeilichen Durchsuchung im Juli 2014 bei ihr gefunden wurde, sowie ein Ladendiebstahl ein. Vom Vorwurf ebenfalls minderjährigen Freunden ihrer Tochter Marihuana gegeben zu haben, wurde die Angeklagte freigesprochen, weil es laut Urteil nicht auszuschließen sei, dass die Drogen den Freunden selbst gehörten.

Ein weiterer Tatvorwurf lässt sich nicht beweisen

Einen Freispruch gab es auch für eine weitere Drogengabe an ihre Tochter, weil sich dieser Tatvorwurf aufgrund der Aussageverweigerung des Mädchens nicht beweisen ließ.

Die 42-jährige Angeklagte hatte am zweiten Verhandlungstag ein Geständnis abgelegt. Sie gab an, ihrer Tochter, für die sie das alleinige Sorgerecht besitzt, die aber bei ihrem Vater in einem Dorf bei Stendal lebt, in der Nacht zum 4. Mai vorigen Jahres bei einem Wochenendaufenthalt Amphetamin (Kunstdroge/Aufputschmittel) gegeben zu haben. Die Tochter war daraufhin am Abend des 5. Mai nach der Rückkehr zu ihrem Vater von diesem in die Notaufnahme des Stendaler Krankenhauses gebracht worden. Sie sei "verhaltensauffällig, aufgedreht, zugleich apathisch und nicht ansprechbar" gewesen, hatte er als Zeuge ausgesagt (Volksstimme berichtete). Das Krankenhaus hatte denn auch Rauschgift im Körper der 14-Jährigen nachgewiesen.

Vor einer Ärztin im Krankenhaus hatte das Mädchen im Beisein ihres Vaters, der umgehend Anzeige erstattete, und ihrer 17-jährigen Schwester angegeben, die Drogen von ihrer Mutter erhalten zu haben. Vor der Polizei hatte sie das bestätigt. In ihrer Vernehmung zum Prozessauftakt wirkte die heute 15-Jährige verstört und hilflos. Sie weinte und gab stockend Antworten. Trotz mehrfachen Hinweises auf ihr Aussageverweigerungsrecht wollte sie aussagen, gab aber widersprüchliche Antworten. Daraufhin brach Richter Schulz die Vernehmung ab, um diese mit anwaltlichem Beistand am zweiten Verhandlungstag fortzusetzen.

Sie wolle keine Aussage machen, erklärte sie nun. Damit durften alle von dem Mädchen zuvor gemachten Angaben nicht mehr verwendet werden. Auch nicht die belastende Aussage, wonach es zu einer weiteren Drogengabe durch die Mutter gekommen sein soll. Da die Anklage allein auf den vorherigen Angaben der Tochter basierte, gab es nunmehr einen Freispruch.

Wegen verabredeter Aussagen droht Verfahren

Der Verteidiger sprach von einer "ungewöhnlichen Fallkonstruktion". Obwohl ihre Freundin in die Notaufnahme des Krankenhauses gekommen war, habe das bei ihren vier Freunden, die dabei gewesen seien, "offensichtlich keine bleibenden Spuren hinterlassen". Die vier beriefen sich in ihren Zeugenaussagen auf Erinnerungslücken. Über Facebook hatten sie sich zu einer Aussage vor Gericht verabredet, wie einer von ihnen ausplauderte. Richter Schulz stellte für das Quartett daraufhin eigene Verfahren in Aussicht.

Wollte Tochter nicht zum Drogenkonsum verführen

Sie habe ihre Tochter nicht zum Drogenkonsum verführen wollen, denn diese hätte zuvor schon über Erfahrungen mit Drogen verfügt, erklärte die Angeklagte ihre Motivation. Vielmehr habe sie ihrer Tochter, wenn sie dieser den Drogenkonsum schon nicht habe verbieten können, beibringen wollen, wie man die Qualität von Drogen überprüfen könne, um sich vor Rauschgift mit schlechter Qualität zu schützen.

Die Drogenabgabe an ihre Tochter sei einmalig gewesen, und es täte ihr leid. Sie habe jetzt ihr Drogenproblem im Griff und wolle in Kürze ihre Ausbildung in einen Sozialberuf aufnehmen.