Ganz anders, als es sich der Außenstehende vorstellt, verlief der Heimat- und Sachkundeunterricht in der vierten Klasse der Lüderitzer Grundschule in dieser Woche. Thema der drei Stunden war die Sexualität des Menschen im Allgemeinen und die Pubertät im Speziellen.

Lüderitz l Der Platz von Almuth Hausdorf ist an diesem Morgen nicht vor ihren Schülern, sondern in deren Rücken. Eine nicht alltägliche, aber keine völlig ungewohnte Perspektive für die Klassenleiterin. Für die kommenden drei Unterrichtsstunden überlässt sie Petra Ahrens das Feld, rückt im wahrsten Sinn des Wortes in den Hintergrund. Auch für Ahrens, Sozialarbeiterin im Stendaler Gesundheitsamt, ist diese Situation nicht neu. Seit vielen Jahren schon ist sie gern gesehener Gast in den Schulen des Landkreises - von der Grund- bis zur Berufsschule.

So versammelt sie an diesem Morgen die 13 Jungen und Mädchen der vierten Klasse der Lüderitzer Grundschule im Stuhlkreis, wird selbst zum Teil desselben. Eine Runde, in der es Sekunden später ganz selbstverständlich um Sexualität und Pubertät, Geschlechtlichkeit und Geschlechtsreife geht.

Vom riesigen Glück einer Eizelle

Den Umweg über die Bienen, die hübsche Blümchen bestäuben, braucht hier keiner mehr, um zu erklären, woher die Kinder kommen. Auch der Storch ist für diese Kinder nicht mehr als ein Zugvogel, der, aus Afrika zurück, in diesen Tagen gerade wieder beginnt, seinen Horst zu beziehen.

Mit dem "Wunder des Lebens", zumindest des menschlichen, hat all das nichts zu tun. Das haben die Kinder bereits im vergangenen Schuljahr mit Petra Ahrens erörtert. Sie erinnern sich noch sehr genau an jenen Teil des Heimat- und Sachkundeunterrichts in Klasse 3. Die Sache mit der Eizelle, die das riesige Glück hatte, von der schnellsten und stärksten Spermie aus einem millionenfachen Schwarm befruchtet zu werden. Die in einem speziell für sie vorbereiteten Bett in der Gebärmutter zu einem Kind heranwuchs, das es so nur ein einziges Mal auf der Erde gibt, das einzigartig ist. Acht und neun Jahre waren die Mädchen und Jungen alt, als sie das lernten. Zu früh? Im Gegenteil, weiß Petra Ahrens aus jahrelanger Erfahrung. Das Wissen um all diese Dinge hilft den Kindern, sie richtig einzuordnen, hilft auch, sie vor Missbrauch zu schützen.

Wenn man beginnt, anders zu riechen

"Jeder Mensch ist einzigartig. Du bist es, du auch und ich bin es und darauf könnt ihr stolz sein", greift Petra Ahrens den Faden aus dem Vorjahr wieder auf. In den nun folgenden drei Stunden geht sie mit den Kindern einen nächsten Schritt der Erkenntnis. Es geht um die Pubertät. Das, was selbst Erwachsenen so schwerfällt, zu erklären. Dieser Prozess der geschlechtlichen Reife, des Erwachsenwerdens des Körpers, der bei dem oder der einen schon mit neun, zehn Jahren beginnt, und der sich über einige Jahre hinzieht. Was macht sie, die Pubertät, mit einem? Was ist wichtig zu wissen? Das mit dem Geruch zum Beispiel. Der ändert sich, wenn man in die Pubertät kommt. Teil der hormonellen Umstellung des Körpers. Und wie geht man damit um?

Petra Ahrens hält den Kindern keinen wissenschaftlichen Vortrag. Sie hat einen Stoffbeutel dabei, darin viele Dinge, die man für die Körperhygiene braucht - von Zahnbürste bis Monatsbinde oder Tampon. Ein Kind nach dem anderen greift in den Beutel, zieht eines dieser Teile heraus. Ist es wichtig für die Hygiene, kommt es auf die linke Seite im Kreis, ist es Luxus, wie Haargel oder der Lippenstift, kommt es nach rechts. Allerdings erst, nachdem die Kinder mit Petra Ahrens darüber gesprochen haben, was aus diesem Beutel wann, wie und warum verwendet wird.

Dass es in der Zwischenzeit zur Pause klingelt, überhören die Mädchen und Jungen. Erst als alle Schätze gehoben sind, wollen sie Pause machen. Nur ganz kurz, denn zu sagen gibt es zur Pubertät noch viel mehr.

In Stunde zwei bedient sich Petra Ahrens dazu eines Zeichentrickfilms. Auch der hat die Veränderungen im und am Körper in dieser aufregenden Zeit zum Thema, ist gespickt mit Aha-Effekten zur Pubertät. Jeder kommt da rein, jeder auch wieder raus, doch wie er oder sie diese Zeit er- und durchleben, ist individuell unterschiedlich.

Ahrens: "Die Kinder sind sehr aufgeschlossen"

Einzigartig eben, wie jeder Junge und jedes dieser Mädchen, die noch Stunden hätten mit Petra Ahrens darüber reden können und wollen. Und über die Ahrens nach jenen drei Unterrichtsstunden sagt: "Es ist nicht immer und überall so, dass die Kinder so aufgeschlossen sind und in diesem Alter so viel soziale Kompetenz mitbringen." Ein Lob für die Mädchen und Jungen der vierten Klasse in Lüderitz. Ein Lob auch für die Schule, die wie viele andere im Landkreis in der Sexualpädagogik mit den Fachfrauen vom Gesundheitsamt zusammenarbeiten.

Wer mehr über Angebote des Gesundheitsamtes erfahren möchte, kann sich bei Petra Ahrens und ihrer Kollegin Sabine Sadowski melden. Telefonisch sind sie unter 03931/607941 und 607937 zu erreichen.