Am 18. März 1990 wurde die letzte Volkskammer der DDR gewählt. Vier Männer aus dem heutigen Landkreis Stendal gehörten zu den Abgeordneten. Für die Volksstimme erinnern sie sich an die bewegte Zeit. Heute: Reinhard Weis (SPD).

Stendal l Auch ein Vierteljahrhundert später kommen Reinhard Weis die bewegten Monate im Jahr 1990 irgendwie irreal vor. "Ich kann manchmal gar nicht glauben, an diesem Prozess beteiligt gewesen zu sein", sagt der Stendaler - und dabei war er den Schritt in die Politik bewusst gegangen. Denn als 1989 die Mauer gefallen und die politische Wende in vollem Gange war, ging der Kraftwerksingenieur, der als Energetiker im Dauermilchwerk Stendal-Genthin arbeitete, gedanklich einen Schritt weiter und schaute auf seine Perspektive. "Es war klar, dass es wirtschaftliche Veränderungen geben wird. Und mir war bewusst: Du musst dich umorientieren." Er stand vor der Frage: Gehe ich in die Politik oder in die freie Wirtschaft? Er wählte die Politik.

"Das war ein Arbeitsstil, der völlig neu für mich war."

Und so erklärte er sich bereit, als Vertreter des mitgliederstarken Stendaler SPD-Ortsvereins für die Bezirksliste seiner Partei zu kandidieren. Er schaffte es auf die Liste - und er schaffte es als einer von acht SPD-Abgeordneten aus dem Bezirk in die Volkskammer. Die Erinnerung daran hat Weis noch heute in seinen Unterlagen: einen Brief, datiert am 23. März 1990 in Berlin, unterschrieben von der Vorsitzenden der Wahlkommission Petra Bläß. Ein Brief, der es offiziell gemacht hat: Reinhard Weis gehört der zehnten DDR-Volkskammer an.

Für den Stendaler, der in den 1980er Jahren über Kontakte zu Umweltgruppen politisch aktiv wurde und zu den Gründern des Stendaler SDP-Ortsvereins gehörte, öffneten sich ganz neue politische Welten - die thematisch aber bei seinen politischen Wurzeln anknüpften. Reinhard Weis wurde Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Energie und Reaktorsicherheit, übernahm den stellvertretenden Ausschussvorsitz. "Das konnte ich mit meinen beruflichen Erfahrungen gut verknüpfen", sagt der heute 66-Jährige. In diesem Fachgebiet wurde er zudem Arbeitsgruppensprecher seiner Fraktion.

Seine Meinung war gefragt, er konnte sie vortragen, darüber wurde ausgiebig diskutiert. "Das war ein Arbeitsstil, der völlig neu für mich war." Für seine Überlegungen eine Mehrheit finden, Argumente und Gegenargumente austauschen - das habe er im früheren Beruf nicht gekannt.

Die Arbeit war intensiv, die zehnte Volkskammer gilt als eines der fleißigsten Parlamente in der deutschen Geschichte. "Unsere Diskussionswut und -freudigkeit waren unbegrenzt", beschreibt es Weis rückblickend. Es gab eine Unzahl von Plenarsitzungen, oft wurde bis in die Nacht hinein beraten, "weil so viel zu leisten war".

Die Bedingungen selbst waren eher bescheiden. Denn die Volkskammern zuvor waren keine klassischen Arbeitsparlamente, Büros für die Abgeordneten und Räume für die Fraktionen und Ausschüsse fehlten im Palast der Republik, wo sich der Plenarsaal befand. Darum mussten die Abgeordenten zum Teil ins ehemaligen ZK-Gebäude (heute Außenministerium) ausweichen. "Wir arbeiteten schon, die Bedingungen dafür mussten aber noch geschaffen werden." Materiell, aber auch in der Arbeit selbst. Weis: "Wir kannten uns untereinander ja noch nicht, es gab noch keine Netzwerke und Parteistrukturen wie heute." Es fehlten die Verbindungen zur Wissenschaft, was heute gang und gäbe sei, unter anderem für Gesetzentwürfe.

"Um nicht im Mustopf zu agieren", hat er darum einen außerparlamentarischen Umwelt-Arbeitskreis initiiert für die fachliche Beratung. Dass er damals Anteil daran hatte, die Biosphärenreservate zu sichern, macht ihn stolz. "Es ist ein dauerhaftes Ergebnis, das heute noch Bestand hat. Wir haben Kleinode gesichert." Diese Entscheidung nennt er als einen der persönlichen Erfolge seiner Volkskammerarbeit. Ein zweiter ist das Kommunalvermögensgesetz. "Es trägt ein bisschen meine Handschrift", sagt Weis, der zu diesem Thema Kommunale Energieversorgung eine Rede im Parlament gehalten hat, die auf den Seiten 1436 und 1437 im Protokollband der Plenarsitzungen nachzulesen ist. Später hat das Gesetz geholfen, die Stadtwerke-Gründungen zu ermöglichen.

Wohnlich ging es in Berlin bescheiden zu. "In der Ruschestraße, dem Stasi-Hauptquartier, war unsere Abgeordnetenherberge", erzählt Weis. Möbliert war der Raum sparsam. "Da mussten wir auf dem Nachttisch arbeiten." Manchmal auch in freier Natur. Mit einem Kollegen aus Nordrhein-Westfalen setzte er sich auf eine Parkbank, um am Entwurf für das Kommunalvermögensgesetz zu arbeiten. Und dann war es ja die computerlose Zeit. "Ich musste lernen, mit einer Schreibmaschine zu schreiben", erinnert sich der 66-Jährige.

"Ich hatte so eine Entwicklung von Anfang an im Blick"

Mit dem 2. Oktober 1990 endete seine Zeit in der Volkskammer. Aber 144 Abgeordnete wechselten bis zur gesamtdeutschen Wahl als vollwertige Mitglieder in den Bundestag. "Es war eine spannende Frage, wer dafür ausgewählt würde", sagt Weis, "ich hatte so eine Entwicklung aber von Anfang an im Blick." Darum sei sein Wunsch, Arbeitskreis-Leiter und stellvertretender Ausschussvorsitzender zu werden, ein bewusster Schritt gewesen. "Denn bei der Auswahl würde man sicher auf Amtsinhaber zurückgreifen", vermutete er - und seine Rechnung ging auf.

Im Dezember trat er bei der Bundestagswahl für den Wahlkreis Altmark an. Das war etwas schwieriger als bei der Volkskammerwahl, "denn ich hatte ja gar keine Wahlkreisarbeit machen können, hatte zuvor mehr mit Ausschussmitgliedern aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern zu tun als mit den Akteuren in Salzwedel. Das war schon eine spannende Zeit."

1990 schaffte es Reinhard Weis über die SPD-Landesliste in den Bundestag, vier Jahre später holte er erstmals das Direktmandat. Bis 2005 blieb der Stendaler im Bundestag. Seite 3

Wie sich Walter Fiedler (CDU), Volker Stephan (SPD) und Gerd Gies (CDU) an die Zeit erinnern und wie die Altkreise Osterburg und Havelberg gewählt haben, lesen Sie in den kommenden Tagen.

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