Die Einwohner der Stadt Tangermünde, also auch die der Ortsteile, wählen am 19. April einen neuen Bürgermeister. Im Juli endet die 25-jährige Amtszeit von Rudolf Opitz (65). Für die Volksstimme sprach Anke Hoffmeister mit ihm über diese Zeit.

Volksstimme: Was hatte Sie vor 25 Jahren zu dem Schritt bewogen, Bürgermeister von Tangermünde zu werden?

Rudolf Opitz: Die Distanz unserer Familie und unsere Haltung zum System der DDR waren bekannt. Doch weder meine Schwestern noch ich haben darunter gelitten. Wir hatten nie Schwierigkeiten, konnten die EOS besuchen, studieren. Im Waschmittelwerk Genthin arbeitete ich in der Forschungsabteilung mit mehreren Kollegen, später in der Faserplatte als Solokämpfer. Meine Frau und ich waren in der Wendezeit von Anfang an bei den Friedensgebeten in Stendal dabei. Bei einem Podium in unserem Kino meldete ich mich zu Wort. Im Januar 1990 wurde ich Mitglied der CDU. Mit meinem Vater gemeinsam habe ich im März 1990 zur Vorbereitung auf die Volkskammerwahl aktiven Wahlkampf bestritten. Im Frühjahr 1990 nach der ersten Kommunalwahl wurden Rolf Meyer und ich aus der Mitte des Rates heraus einstimmig gewählt.

Sie waren damals, wie viele zu dieser Zeit, Quereinsteiger. Hatten Sie Bedenken, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein?

Die ersten vier Jahre waren die schlimmsten. Meine Frau und ich haben oft überlegt, ob ich das weiter durchhalte. Es gab null Chance für unsere Firmen, obwohl die Faserplatte und auch die Schoko kurz zuvor noch moderne Anlagen bekommen hatten. Noch heute bin ich enttäuscht, dass die Bundesrepublik so schlecht auf die Vereinigung vorbereitet war.

Die politische Wende ist immer noch das Beste, was uns passieren konnte. Doch schnell stand ich als Bürgermeister von Tangermünde auf einer Seite, auf der ich nie stehen wollte. Die Mitarbeiter der Betriebe standen auf dem Markt und demonstrierten, ich auf der Rathaustreppe.

Die Währungsunion so schnell umzusetzen, war ein großer Fehler. Wir haben damals sogar einen Brief an Lothar de Mazière geschrieben, um vor den Folgen zu warnen. Später konnten wir nur hoffen, dass die Zeit der Arbeitslosigkeit kurz ist. In der Treuhand hatte ich einen der schlimmsten Auftritte meines Lebens. Ich wollte einfach nicht mit ansehen, dass unsere Werke trotz moderner Anlagen nicht weiter produzieren durften.

"Die Promenade lag mir besonders am Herzen."

Worauf sind Sie besonders stolz?

Erstens: Auf die gute Mannschaft in diesem Haus. Sie alle arbeiten sehr loyal und sind fachlich Spitze.

Zweitens: Die Atmosphäre im Rat war immer gut. Probleme haben wir gemeinsam gelöst, Ideen gemeinsam umgesetzt. Ich weiß, das hört ein Parteienkämpfer nicht gern. Doch ich suche fast immer den Ausgleich. Der Ton macht die Musik. Ich gehe nicht über Leichen.

Drittens: Haben wir es verstanden, langfristig zu planen, kontinuierlich Projekte bestätigen zu lassen, sie mit einem großen Anteil an Fördermitteln umzusetzen und uns dabei strikt an die Vorschriften zu halten. Die Promenade lag mir in all den Jahren besonders am Herzen.

Was hätten Sie in Ihrer Amtszeit als Stadtoberhaupt gern noch erreicht?

Ich selbst bin mein größer Kritiker. Die Arbeitslosigkeit in und um Tangermünde bedrückt mich. Das ist das schwierigste aller Probleme. Denn fest steht: Wenn Menschen ordentliche Arbeit haben, lösen sich viele andere Sorgen von ganz allein.

An welche(s) Ereignis(se) erinnern Sie sich heute noch im positiven wie negativen Sinne?

An eines der ersten Burgfeste, bei denen Rolf Meyer noch mitgewirkt hatte und auch an die vielen Projekte zur 1000-Jahr-Feier erinnere ich mich sehr gern. Besonders schlimm waren, wie schon gesagt, die ersten vier Jahre meiner Amtszeit, als Tangermünde fast komplett von der Industrie bereinigt wurde.

Was ärgert Sie besonders, hindert Sie in Ihrer Arbeit als Tangermünder Bürgermeister und an der Umsetzung von Ideen?

Die vielen Vorschriften sind eine Last. Deutschland ist überreguliert. Gerichtsurteile stehen an vorderster Stelle. Aus meiner Sicht kann man nicht alles regulieren. Das neue Kifög ist das beste Beispiel.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Stadt Tangermünde?

Es wäre schön, wenn es mit der Arbeitslosigkeit abwärts geht, nicht durch den demografischen Wandel, sondern durch Arbeit. Und ich würde mir wünschen, dass all das erhalten bleibt, was in den vergangenen Jahren geschaffen wurde.

Was erwarten Sie von Ihrem Nachfolger? Welchen Rat würden Sie ihm mit auf den Weg geben?

Ich erwarte von ihm, dass er den Laden hier halbwegs zusammenhalten und die Verwaltung führen kann, ohne die Mitarbeiter zu verletzen. Er sollte die Ratsarbeit so weiterführen wie bisher und vor allem nur das Geld ausgeben, was auch da ist. Es wird schwerer werden.

Fakt ist: Man kann einen Opitz nicht kopieren und das muss man auch nicht. Das Reden kommt mit der Zeit, das lernt man. Und ein wandelndes Gesetzbuch muss man auch nicht sein. Dafür gibt es die Mitarbeiter. Ganz wichtig ist: Sagt den Bürgern die Wahrheit!

Werden Sie es vermissen, morgens nicht mehr zum Stadthaus gehen zu dürfen? Werden Sie sich noch politisch als Mitglied der CDU einbringen, Ratssitzungen besuchen?

Vermissen werde ich die netten Gespräche mit der Presse. Doch ich hänge nicht an diesem Job. Ich kann total abschalten. Aber sicher werde ich hier ab und zu auftauchen. Mitglied der CDU werde ich bleiben. Doch ich bin kein Parteisoldat.

"Wichtig: Sagt den Bürgern die Wahrheit!"

Welche Pläne hat Tangermündes Bürgermeister a.D.? Könnten Sie sich vorstellen, zum Burgfest in die Rolle Kaiser Karl IV. inklusive der Ansprache zu schlüpfen, vielleicht auch wieder beim TCV einzusteigen?

Die Rolle Kaiser Karls werde ich auf keinen Fall übernehmen. Ich kann nicht reiten. Doch als Fußvolk beim Burgfest dabei zu sein, kann eher in Frage kommen.

Beim Karneval sieht es schon anders aus. Es juckt mir in den Fingern, da ich mich selbst ja auch gern auf die Schippe genommen habe. Zur Jubiläumsveranstaltung bin ich vielleicht noch mal dabei. Aber ich möchte nicht als Comedy-Opa auf der Bühne stehen. Die Jungen müssen nachkommen. Wer einmal angefangen hat,

wird mit den Jahren immer besser.

Politisch würde ich in der Arbeitsgruppe von André Schröder zum Thema Kommunalfinanzen mitarbeiten. Ein paar gute Ideen hab ich bereits, die ich einbringen könnte. Tangermünde wäre zum Beispiel eine gute Modellgemeinde.

Privat freue ich mich auf die Zeit mit meinen Enkeln. Sie wollen beschäftigt sein, man muss mit ihnen spielen, ihnen etwas beibringen, damit sie von ihren Eltern und Großeltern lernen können. Das große Haus, das ich von meinem Urgroßvater geerbt habe, der große Garten verlangen immer ihre Aufmerksamkeit. Und außerdem reisen wir sehr gern.