Der Stendaler Landgerichtspräsident Dieter Remus geht in der kommenden Woche in den Ruhestand. Der 64-Jährige hätte Bundesrichter sein können, stattdessen entschied er sich für die Wiederaufbauarbeit in Stendal.

Stendal l Dieter Remus hätte als Jurist richtig Karriere machen können - wissenschaftlich. Am 11. April 1996 trat der heute 64-Jährige seinen Dienst am Bundesgerichtshof in Karlsruhe an, quittierte diesen aber schon drei Monate später. Der Friese, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, war einstimmig in die Position eines der obersten Richter des Landes gewählt worden. "Darauf bin ich stolz", sagt Remus. Zuvor hatte er in Stendal gearbeitet und war wesentlicher Motor dafür, dass nach der Wende das Gerichtswesen in der Hansestadt neu aufgebaut und auf demokratische Fundamente gestellt wurde. Sein Mentor Roman Herzog - der spätere Bundespräsident - hatte ihn zu seinem Engagement in Ostdeutschland animiert. Mit Herzog, mit dem er von 1989 bis 1991 eng am Bundesverfassungsgericht zusammen arbeitete, war er am 2.Oktober 1990 bei der letzten Sitzung der Volkskammer dabei.

In Karlsruhe ständig an Stendal gedacht

"Als ich dann aber 1996 in Karlsruhe saß, war es extrem ruhig", beschreibt er seine damalige Gemütslage. Ein Haufen Akten stapelten sich auf dem Schreibtisch. Gleichzeitig habe er darüber sinniert, was nun aus der begonnenen Arbeit in Stendal werden würde. Er hatte dafür gesorgt, dass ab 1993 an der Scharnhorststraße, wo einstmals die Russen in einer Kaserne untergebracht waren, ein Justizzentrum entstand. Auch reaktivierte er das historische Landgericht von 1879 Am Dom. "Das Gebäude war in einem fürchterlichen Zustand", sagt Remus. "Von den Toiletten in der dritten Etage konnten man bis ins Erdgeschoss blicken", sagt der mit einem Kopfschütteln. Immer mit überschüssigem Geld habe er das Gebäude beginnend vom Dach bis in den Keller über die Jahre hinweg saniert. Noch 1995 wurde an der Scharnhorststraße das Amtsgericht fertig. All die ersten Errungenschaften, die Dieter Remus in Stendal angeschoben hatte, sah er im Sommer 1996 den Bach heruntergehen. "Da habe ich mich gefragt, wer kann das Werk vollenden?" Beantwortet habe er sich die Frage damals mit: "Das kannst eigentlich nur Du selbst machen", erzählt Remus mit einem verschmitzten Lächeln und der nötigen Portion Selbstvertrauen.

Noch ehe die Stelle des Landgerichtspräsidenten neu besetzt worden war, rief er von Karlsruhe aus im Justizministerium in Magdeburg an und bot seine Rückkehr nach Stendal an. Remus, der nach väterlichem Wunsch hätte Tierarzt werden sollen, bekam die Gelegenheit, sein Werk in der Hansestadt zu vollenden, wohlgemerkt neben seiner Tätigkeit als Richter im Gerichtssaal.

Heute sitzt der 64-Jährige, der am Donnerstag nach 24Jahren in Stendal offiziell in den Ruhestand verabschiedet wird, in einem komplett sanierten Landgerichtsgebäude. Im vergangenen Jahr wurde die Sanierung mit dem Einbau von modernen Vorführzellen im Keller abgeschlossen. Die vorherigen Zellen stammten aus der DDR-Zeit und seien "ohne Liebe zum Menschen" gewesen, mit Gitterstäben und einer schmalen Leiste an der Wand als einzige Sitzgelegenheit. "So funktioniert Rechtsstaat nicht", sagt Remus.

Jetzt schreibt er ein Buch über die Altmärker

Mit dem Einbau der neuen Zellen hatte der Landgerichtspräsident nicht nur symbolisch die Überführung der Stendaler Justiz in ein neues Zeitalter vollendet. "Wir haben ein komplettes Gerichtswesen mit Staatsanwaltschaft, Landgericht, Amtsgericht und Arbeitsgericht vor Ort", sagt Remus. Das Justizzentrum war bereits 2012 "fertig an allen Ecken und Kanten". Darüber hinaus empfindet er es heute noch als einen Coup, dass es ihm mit Hilfe eines juristischen Kniffes gelungen sei, den Sitz der millionenschweren Jütting-Stiftung 1994 von Baden-Baden nach Stendal zu verlagern. Auch das Netzwerk "Kindeswohl" sei von ihm ausgegangen.

Trotz der Tatsache, dass er in Stendal "alles umgesetzt hat", was er sich vorgenommen habe, verlässt Dieter Remus seinen Posten nur ungern. "Es fällt mir schwer", gibt er zu. Er habe zwar nie "an einem Beliebtheitswettbewerb" teilgenommen, viele Leute in Politik und Ministerialbürokratie habe er nerven und immer wieder auf die Füßen treten müssen, aber letztlich habe er es sehr gerne gemacht. Dafür habe er letztlich auch liebend gern auf seine wissenschaftliche Karriere verzichtet. "In Karlsruhe hätte ich eine Revisonsakte nach der anderen lesen und Kommentare schreiben müssen. So habe ich vielmehr erreicht", findet er.

Er habe sich immer stark mit Stendal verbunden gefühlt, wenngleich er nur eine kleine Wohnung hier hatte und an den Wochenenden mit der Bahn nach Hamburg zu Frau und den zwei Töchtern gependelt ist. Die kommenden drei Monate wird Dieter Remus in Rom verbringen, ehe dann auch seine Frau als Lehrerin in Rente geht. "Ich möchte noch sehen, wo man Cicero die Zunge herausgeschnitten hat." Vielleicht wird er in Italien auch erste Aufzeichnungen für ein Buch machen. "Ich möchte etwas schreiben über Land und Leute in der Altmark."

Bilder