Genau 95 Acht- bis Zwölfjährige klappten am Sonnabendvormittag die Stühle und Tische im großen Hörsaal herunter und machten sich bereit für ein kurzzeitiges Studentendasein. Die Kinder-Uni der Hochschule Magdeburg-Stendal hatte zur Eröffnung des neuen Semesters eingeladen. Auf dem Programm standen zwei Vorlesungen.

Stendal l Seit acht Jahren öffnet die Hochschule ihre (Wissens-) Tore für Nachwuchsstudenten. Es gibt sogar Ausweise mit Matrikelnummer und Urkunden von Bachelor- bis Professor-Abschluss, die für mehrfaches nachgewiesenes Lauschen der Vorlesungen vergeben werden. Am Sonnabend ziehen die Themen "Otto von Bismarck" und "Die sieben Weltwunder der Antike" die jungen "Studenten" in ihren Bann.

Prof. Raimund Geene schlüpft kostümiert in die Rolle des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Mit tiefgestellter Stimme begibt er sich in eine Art Interview mit Falko Leonhardt vom Kindermuseum.

Das Kind Otto hatte es nicht einfach, wurde früh in ein Internat nach Berlin verfrachtet, das damals einen ganzen Tag Kutschfahrt entfernt lag. Ein Film, aus dem Sequenzen gezeigt werden, verrät, dass der Student Bismarck "feierte und soff", worauf der im Hörsaal erschienene Bismarck peinlich entrüstet reagiert.

Anna (10): "Die Lage ist nicht besser. Krieg ist Krieg"

"Zu meiner Zeit war Deutschland total verschachtelt. Da gab es ständig Spannungen. Ich habe das Deutsche Reich erst geschaffen", erläutert Bismarck alias Geene seine Bedeutung in der Geschichte. Den Reichstag tituliert er als "Quasselbude", Kaiser Wilhelm II. als "blöden Schnösel". Er habe Kriege führen müssen. "Damals reichte eine Schlacht. Eine gegen Österreich, eine gegen Frankreich. Das war`s."

Die Kinder werden immer wieder ermuntert, Fragen zu stellen. Was sie auch rege tun. Besonders das Kriegsthema bewegt sie. Eine Diskussion ergibt sich schnell. Kriege seien näher, als wir denken, etwa in der Ukraine. Und hat sich die Weltkriegslage heute verbessert? Manche Kinder glauben, dass das so ist. Weil die Kriege nicht mehr so groß, keine Weltkriege seien. Die zehnjährige Anna Nieber aus Jarchau sieht das anders: "Die Lage ist keinesfalls besser. Krieg ist Krieg."

Nach einer kurzen Pause geht`s in die Antike. Dr. Axel Rügler präsentiert die sieben Weltwunder mit vielen Bildern und reichlich Informationen. "Was meint ihr, wie lange braucht man, um die Cheops-Pyramide zu umrunden? Nein, keine drei Tage, eher so eine Viertelstunde." Der Dozent macht das Gigantische des Bauwerks klar. Die Pyramide sei höher als die Marienkirche, ein Stein so groß wie ein Wagenrad. Tausende Menschen müssen daran gearbeitet haben.

"Die hängenden Gärten von Babylon" vergleicht Rügler mit Disneyland. Etwas gigantisch Künstliches ist dort gebaut worden, wo es nicht hingehört. "Welche Pflanzenarten wurden dort gepflanzt?", kam eine Frage aus dem Auditorium. "Vielleicht Rosen, die waren in Persien sehr beliebt", spekuliert der Experte.

So geht es von Weltwunder zu Weltwunder, immer auch im Dialog mit den jungen Zuhörern. Was ist Elfenbein? Was ist ein Mausoleum? Kennt ihr Heinrich Schliemann? Die Kinder wissen alles - schließlich sind sie die Studenten und Wissenschaftler von morgen.