Der 1. Mai ist Kampftag der Arbeiterschaft. Wer Arbeit hat, ist gut dran und hat dennoch manchmal Grund aufzubegehren. Auf der anderen Seite gibt es viele, die ohne Arbeit sind. Markus Nitsch, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Stendal, kennt beide Seiten - auch aus eigenem Erleben. Nora Knappe sprach mit ihm über den Stellenwert von Arbeit im Leben und über Freude- und Frust-Potenzial von Arbeit.

Volksstimme: Macht Ihnen Ihre Arbeit Freude, finden Sie darin Erfüllung?

Markus Nitsch: Ja, es ist mein absoluter Traumjob. Im Gegensatz zu den Vorstellungen, die man gemeinhin vom öffentlichen Dienst hat, haben wir hier sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten. Es macht mir Freude, mit all den tollen Leuten, die hier in der Agentur arbeiten, für die Menschen und die Unternehmen in der Region die Vermittlung von Ausbildung und Arbeit zu gestalten.

Was genau schätzen Sie an Ihrem Job?

Ich habe sehr viel Verantwortung für die Menschen, die hier mit mir arbeiten, und für die Gestaltung der Arbeit mit unseren Kunden. Von meinem Arbeitgeber die Entscheidungsmöglichkeiten zu bekommen und die eigenen Kompetenzen einsetzen zu können, das ist eine tolle Kombination.

Welchen Stellenwert hat Arbeit in Ihrem Leben? Ist sie Teil des Lebens oder eher ein Gegenpart zum Freizeit-Leben?

Meine Arbeit prägt mein Leben schon sehr, aber nicht so, dass Freizeit keinen eigenständigen Wert hätte. Ich beschäftige mich zwar auch in der Freizeit mit Arbeit, aber eher gedanklich, strategisch. Ideen kommen mir oft, wenn ich nicht am Schreibtisch sitze. Wenn ich zum Feierabend aus dem Büro gehe, dann ist das mein persönlicher Raum - mit Partnerin, Freunden, Sport und Garten. Das finde ich sehr wertvoll. Und es ist schon gut, dass es beide Bereiche gibt: Arbeit und Freizeit.

Hatten Sie jemals eine Zeit, in der Sie arbeitslos oder unzufrieden mit Ihrem Job waren - und wie ging es Ihnen damit?

Sogar beides! Ein halbes Jahr war ich faktisch arbeitslos, das heißt, mein Arbeitgeber hat mir Zeit eingeräumt, einen neuen Job zu finden. Da ich damals als Priester gearbeitet habe und nicht mehr für die katholische Kirche arbeiten konnte und wollte, war das eine große Herausforderung. Denn außerhalb der Kirchen werden Theologen nicht gerade gesucht. Ich musste feststellen: Je länger die Jobsuche dauert, desto schwieriger wird es in mir drinnen. Ich habe mich gefragt: Braucht mich überhaupt jemand? Dabei das eigene Selbstwertgefühl zu behalten, ist sehr schwer.

Und dann gab es, bei einem anderen Arbeitgeber, auch mal eine Phase, als ich zu wenig zu tun hatte. Es hätte zwar Arbeit gegeben, aber mein Chef konnte nicht delegieren. Es ist schlimm, wenn man seine Arbeit nach vier Stunden erledigt hat, aber noch ein halber Tag übrig ist, an dem man nicht weiß, was man tun soll.

"Wir sind nicht dazu da, Hoffnungen zu zerstören"

Wie sehr braucht der Mensch Arbeit - ist sie ein wichtiges Mittel zur Selbstver- wirklichung oder einfach "nur" Mittel zum Geldverdienen?

Ich habe ganz hohe Achtung vor allen, die eine Arbeit nur zum Geldverdienen machen müssen und sich nicht damit verwirklichen können, einfach weil sie keine andere Möglichkeit haben. Ich wünsche mir, dass der Anteil derer steigt, die damit ein Stück Leben und Träume und Ziele verwirklichen können. Das hilft letztlich auch der Gesellschaft, wenn eine gewisse Zufriedenheit mit der Arbeit verbunden ist.

Ab wann ist Arbeit Stress, wie viel Arbeit muss sein?

Das ist natürlich sehr individuell und von den Lebensumständen abhängig. Aber insgesamt geben unsere Arbeitszeitgesetze gute Ansätze für die äußeren Bedingungen. Acht Stunden sind normal, ab zehn Stunden kommt man in einen Bereich, der nicht mehr tolerabel ist. Wichtig ist bei dieser Frage aber auch: In welcher Atmosphäre arbeite ich? Wenn alles nur unter Druck passiert, dann können auch weniger als acht Stunden belastend sein. Anders als in einer Atmosphäre der Motivation. Und genau das liegt zu einem großen Teil am direkten Vorgesetzten.

Wie erleben Sie in Ihrer täglichen Arbeit Menschen, die keine Arbeit haben?

Ich hospitiere relativ viel, zurzeit übrigens auch im Jobcenter, und führe manchmal sogar persönlich Vermittlungsgespräche, weil ich nah dran bleiben möchte. Und dabei sehe ich, dass die meisten Menschen ganz klar wissen, was sie wollen. Viele kommen mit Hoffnungen und Träumen hierher. Und wir sind nicht dazu da, diese zu zerstören, sondern zu helfen, sie zu realisieren. Allerdings weiß ich, wie anfangs gesagt, aus eigener Erfahrung, dass es bei längerer Arbeitslosigkeit irgendwann einen Punkt gibt, an dem die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl absinkt. Nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit überlegen manche Menschen sogar: Stehe ich auf, lohnt sich das? Darum finde ich auch die Arbeitsgelegenheiten, im Volksmund "Ein-Euro-Jobs" genannt, sinnvoll. Selbst wenn sie nur für eine kurze Phase sind, ist es doch eine Gelegenheit, dass man wieder die Erfahrung macht, dass Arbeit etwas Wertvolles ist.

Gibt es eine Arbeit, die Sie hoffen, nie machen zu müssen, und gibt es eine, die Sie sehr gern mal "ausprobieren" würden?

Ich könnte mir nicht vorstellen, Marketing für die Tabakindustrie zu machen, denn ich kann nicht etwas verkaufen, hinter dem ich nicht stehe. Umgekehrt fällt mir aber keine Arbeit ein, von der ich gerade träumen würde. Ich habe meinen Traumjob gefunden und habe ja vorher einiges gemacht, was meinen Kompetenzen entsprochen hat, habe auch mit Randgruppen wie Alkoholikern und Strafgefangenen gearbeitet und war im Ausland tätig. Nein, es gibt keinen Job, um den ich jemand anderen beneiden würde.

Markus Nitsch (53) hat Theologie studiert und als katholischer Priester gearbeitet. Er wechselte 2001 zur Agentur für Arbeit. Seit Januar 2014 ist er Vorsitzender Geschäftsführer der Arbeitsagentur Stendal.

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