Das Stendaler Fachgymnasium ist gefragt. Die Nachfrage ist deutlich größer als die Kapazität. Bislang stehen für das kommende Unterrichtsjahr für knapp 200 Bewerber 104 Plätze bereit.

Stendal l Jasper Tinneberg hat einen Plan. Der 16-Jährige möchte Landwirt werden. Zuvor aber strebt der Meßdorfer in diesem Jahr an der Bismarker Sekundarschule den erweiterten Realschulabschluss an und möchte dann ab dem kommenden Unterrichtsjahr am Stendaler Fachgymnasium in der Fachrichtung Wirtschaft sein Abitur "bauen" und damit die Hochschulreife erlangen.

Doch der Plan ist arg gefährdet. Obwohl sich Jasper Tinneberg mit einem Notendurchschnitt seines Halbjahreszeugnisses von 2 beworben hat, flatterte ihm eine Ablehnung des Fachgymnasiums, das zu den Berufsbildenden Schulen II des Kreises Stendal zählt, ins Haus. Nicht nur ihm. Für das Schuljahr 2015/2016 gingen rund 200 Bewerbungen ein. Doch zur Verfügung stehen aus heutiger Sicht lediglich jeweils 52 Plätze für die beiden Fachrichtungen - Gesundheit und Soziales sowie Wirtschaft. Summa Summarum sind das 104 Plätze in vier Klassen. Für beide Fachrichtungen existieren Wartelisten, die jeweils 47 Bewerber umfassen.

Kapazität reicht derzeit für nur 14 Klassen

"Unsere Kapazitäten sind ausgereizt", bedauert Jens Schößler. Für den Koordinator des Fachgymnasiums ist der Andrang Fluch und Segen zugleich. "Die vielen Bewerber sprechen für die gute Arbeit der Kollegen im Haus, für den guten Ruf unseres Gymnasiums. Aber natürlich lehnen wir niemanden gern ab", beschreibt er seine Gefühle.

Derzeit bestehen an der Einrichtung jeweils fünf elfte und zwölfte Klassen sowie vier dreizehnte. Warum werden im kommenden Schuljahr nicht fünf neue elfte Klassen gebildet statt der vier geplanten? Das fragen sich abgelehnte Schüler und deren Eltern, hoffen so auf eine Entschärfung der Situation. Doch das ist bislang nicht möglich. Schößler macht eine andere Rechnung auf. Das Gymnasium muss die Klassen als Gesamtheit sehen. "Wir haben jetzt 14 Klassen. Die vier dreizehnten Klassen gehen. Dafür kommen vier neue Klassen, die neuen elften. Für mehr fehlen uns die Lehrer", erklärt er.

Fehlender Physiklehrer als Knackpunkt

Probleme gibt es im naturwissenschaftlichen Bereich. Am Stendaler Fachgymnasium ist der Knackpunkt ein fehlender Fachlehrer für Physik. "Es sind einfach keine auf dem Markt", macht Schößler deutlich. Ausschreibungen hätten dies gezeigt. Dennoch sucht das Landesschulamt nach Möglichkeiten, doch noch eine fünfte elfte Klasse im kommenden Schuljahr zu bilden. Erwogen werden eine erneute Stellenausschreibung, eine befristete Einstellung von Pädagogen, eine Abordnung von anderen Schulen und der Einsatz pensionierter Lehrer.

Griffe etwas davon, würde das Gymnasium eine dritte Wirtschaftsklasse mit 26 Plätzen einrichten. Alle Wünsche auf einen Platz an der Schule könnten aber auch damit nicht erfüllt werden. "Wir hatten noch nie so viele extrem gute Bewerber", so Schößler, der zur Auswahl sagt: "Es geht knallhart nach dem Notendurchschnitt."

Da liegt die Grenze für das kommende Unterrichtsjahr derzeit bei rund 1,8. Mit 1,9 bleiben Bewerber gegenwärtig außen vor. Abgesehen von der erhofften Zusatzklasse können potenzielle Schüler nachrücken, falls angenommene Bewerber ihren Platz nicht in Anspruch nehmen. Die gibt es jährlich, allerdings nur in geringer Zahl.

Burg, Magdeburg und ein Plan B

Welche Alternativen haben Abgelehnte? "Die Bewerber für die Fachrichtung Gesundheit und Soziales, denen wir absagen mussten, haben wir auf freie Kapazitäten am Fachgymnasium Burg hingewiesen.

Natürlich wissen wir, dass für manchen der Weg sehr weit ist. Aber einige wollen die Möglichkeit vielleicht nutzen", sagt Schößler.

Auch an Abendgymnasien in größeren Städten kann das Abitur abgelegt werden. Aus Stendaler Sicht befindet sich das nächste in Magdeburg. Und dann können sich Frauen und Männer auch nach einer Berufsausbildung am Fachgymnasium bewerben, "wenn sie den erweiterten Realabschluss besitzen und das 23. Lebensjahr noch nicht vollendet haben", so Schößler.

Jasper Tinneberg hofft auf die dritte Klasse mit 26 Plätzen im Fachbereich Wirtschaft. Das wäre seine Eintrittskarte, steht er doch auf der Warteliste auf Platz 22. Ansonsten dürfte für ihn Plan B greifen: eine Lehre in der Landwirtschaft und dann ein erneuter Anlauf am Fachgymnasium in Stendal.