Es herrschte Aufbruchstimmung, als am 6. Mai 1990 die drei Kreistage in Stendal, Osterburg und Havelberg sowie zahlreiche Stadträte in der Region gewählt wurden. Wie schon bei der Volkskammerwahl anderthalb Monate zuvor, war auch bei der Kommunalwahl allerorten die CDU als Wahlsieger hervorgegangen. Zwei Zeitzeugen erinnern sich.

Stendal l Als Lothar Riedinger im April 1990 mit seinem alten Skoda S100 auf Wahlkampftour durch die Lande fuhr, sah er eines Tages im Rückspiegel eine schwarze Limousine, die ihn ganz offensichtlich verfolgte. "Ich bekam ein mulmiges Gefühl", sagt der Hasseler. Nur einige Monate zuvor habe dies nichts Gutes bedeutet. Bei ihm stellte sich heraus, dass Walter Remmers, der spätere Justizminister des Landes, ihm gefolgt war. "Der hatte den CDU-Aufkleber an meinem Auto gesehen", sagt Riedinger. Der Emsländer habe ihm spontan seine Hilfe angeboten. Für Riedinger wurde es eine erfolgreiche Zeit, er wurde zum ersten Stendaler Landrat gewählt.

"Es gab eine Aufbruchstimmung und es war eine gute Zeit für Macher", sagt der 60-Jährige, der heute noch in der Lokalpolitik mitmischt und gerade erst als Bürgermeister von Arneburg wiedergewählt wurde und noch Kreistagsvorsitzender ist.

Der gelernte Dachdecker hatte quasi über Nacht eine Verwaltung mit Hunderten Mitarbeitern zu führen. "Es war alles neu", sagt er. Er selbst war bereits 1982 der CDU beigetreten und wurde 1990 von seiner Partei für den Posten des Landrates vorgeschlagen. Die Wahl selbst war etwas holprig. Es gab keine Direktwahl durch den Wähler, so wie dies heute üblich ist. 1990 wählten die Kreistage und die Stadträte ihre Verwaltungsspitzen.

Riedinger wurde erst im zweiten Wahlgang gewählt

Der Stendaler Kreistag brauchte zwei Wahlgänge, um Riedinger ins Amt zu heben. Obwohl der damals 45-Jährige der einzige Kandidat war, fiel er im ersten Wahlgang (43:44) durch. "Ich habe mir nicht immer nur Freunde gemacht", sagt Riedinger selbstkritisch. Im zweiten Wahlgang bekam er dann mit 47:35 Stimmen doch noch eine Mehrheit. Beim zweiten Wahlgang gab es noch eine Kuriosität, die vielleicht die damalige Zeit widerspiegelt. Von Seiten des Neuen Forums wurde Werner Schulze als Gegenkandidat vorgeschlagen, obwohl dieser gar nicht im Kreistag vertreten war. Das Präsidium lehnte den Vorschlag jedoch ab.

"Von diesem Vorgang weiß ich gar nichts", sagt Werner Schulze heute. Der 75-Jährige zog seinezeit für das Neue Forum in den Stendaler Stadtrat ein und wurde stellvertretender Bürgermeister neben Manfred Haufe (CDU). Der Geologe sah in der Wendezeit die Möglichkeit, etwas zu verändern. Im Oktober 1989 kam er über Hans-Peter Schmidt zum Neuen Forum. "Ich war nicht der Revolutionär, sondern mehr der Stratege", sagt Schulze. Er habe ganz gut reden können. So habe er sich 1990 im Wahlkampf hervorgetan. Das Jahr sei ohnehin im Prinzip ein Dauerwahlkampf gewesen. Im März war die Volkskammer gewählt worden, es folgte die Kommunalwahl am 6. Mai und dann die Landtagswahl (14. Oktober) und schließlich noch die Bundestagswahl (2. Dezember).

Schon bei der Volkskammerwahl habe sich abgezeichnet, dass die etablierten Parteien das Rennen machen und das Neue Forum dauerhaft nicht die entscheidende politische Kraft sein würde, wie dies in den Wendemonaten 1989 der Fall war, sagt Schulze.

Das Neue Forum schaffte es bei der Stendaler Kreistagswahl nur über eine Listenvereinigung auf 6,1 Prozent der Stimmen, im Stendaler Stadtrat wurden immerhin fünf Mandate (6,48Prozent) geholt. "Das Forum hat sich frühezeitig festgelegt, nicht Partei werden zu wollen, damit waren wir auf die Kommunalpolitik reduziert", erklärt Schulze. Später sei dies von Teilen der Mitstreiter durch die Vereinigung von Bündnis 90/Grüne revidiert worden.

Während es in den Reihen von CDU und SPD zahlreiche Lokalpolitiker gibt, die 1990 eingestiegen sind und heute noch mitwirken, so sind die Akteure des Neuen Forums völlig verschwunden. "Ich verfolge das nur noch am Rande", sagt Schulze. Rückblickend müsse er sagen, dass gerade beim Neuen Forum höchst unterschiedliche Leute dabei waren. "Wir haben jeden aufgenommen, es gab auch ehemals stramme Genossen", sagt er. Ob dies richtig gewesen sei oder nicht, könne er nicht beurteilen. Es habe auf jeden Fall dazu beigetragen, dass sie oft übermäßig beäugt worden seien. Er denke dabei an Austausche mit Lemgo. "Die wussten nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollen."

In ersten zwei Jahren wichtige Weichen gestellt

Er selbst habe in den ersten zwei Jahren im Stendaler Rathaus als Dezernent eine Menge bewegen können. Von der Ansiedlung der Fachhochschule über die Umwidmung der Katharinenkirche bis hin zum Theaterneubau seien früh die Weichen gestellt worden. "Das hat Spaß gemacht, weil ich vom Bürgermeister den Spielraum hatte." Zermürbt hätten ihn jedoch die politischen Ränkeleien. "Das war menschlich unheimlich schlimm", sagt er rückblickend. 1994 schied er aus der Politik wieder aus.

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