Stendal l "Ich komme von USA", stellt sich Tatiana Jenkins den Kindern der Klasse 3 a an der Bilingualen Grundschule in Stendal vor. Gerade haben sie Englischunterricht. An einer Karte präzisiert Tatiana ihre Aussage und kreist mit dem Finger über den Bundesstaat South Carolina an der amerikanischen Atlantikküste, fährt dann weiter landeinwärts und bleibt bei der Stadt Greenville stehen. Da kommt sie her, sagt sie. Über 200 Meilen westlich von Greenville liegt die Küstenstadt Charleston, wo Tatianas Oma lebt und auch die Heimat ihrer Kommilitonin Hillary Myers ist. Die beiden Amerikanerinnen hospitieren zwei Tage an der Grundschule, davor waren über zwei Wochen an der Grundschule am Stadtsee.

Tatiana studiert Englisch und Geschichte, Hillary Kunst an der Universität in Spartanburg, unweit von Greenville. Bald wollen sie als Lehrerinnen in Grundschulen (Primary school) unterrichten, ein bisschen üben konnten sie das bereits in Stendal. Spartanburg ist seit vielen Jahren Partneruni der Hochschule Stendal, im Rahmen eines Austauschprogrammes kamen die beiden Amerikanerinnen für drei Wochen in die Altmark, um hier ein Auslandspraktikum zu absolvieren.

Doch wieder zurück zum Englischunterricht, hier erzählt Tatiana der Klasse ein wenig über South Carolina. "Bei mir zuhause ist es jetzt ungefähr so warm wie hier", vergleicht sie die Temperaturen. Ihre Oma lebt in einem Hochhaus in Charleston, berichtet die 23-Jährige. "Charleston ist eine wunderschöne geschichtsträchtige Stadt", fügt Lehrerin Birgit Richter hinzu. "Nächste Stunde bringe ich euch mal ein Bilderbuch von Charleston mit."

Dann stimmt Richter ein Lied der amerikanischen Musikgruppe "The Jackson Five", wo der spätere "King of Pop", Michael Jackson, seine ersten Bühnenerfahrungen machte. "ABC easy as 1 2 3" kennen weder die Kinder, noch Tatiana, klatschen und singen aber kräftig mit.

"Mathe ist nicht so mein Ding. Aber da muss ich wohl durch."

Hillary Myers

Zeitgleich nimmt Hillary am Matheunterricht der Klasse 4b teil. Eigentlich gehört Mathe nicht gerade zu ihren Lieblingsfächern, verrät die 22-Jährige. "Mathe ist nicht so mein Ding." Aber da müsse sie im Praktikum wohl durch. Zunächst spielt Hillary den "Observer" (Beobachter), sitzt neben den Kindern auf einer Schulbank, stellt sich kurz vor. Kevin Sänger ist für die kurze zeit ihr Banknachbar. Er ist sehr interessiert an der Geschichte des von weit her angereisten Besuch. Amerika findet er "cool", wie er sagt.

Doch dann hat Lehrerin Jana Ehrhardt auch schon die passende Aufgabe für die blonde Amerikanerin parat: Hausaufgaben vergleichen. Hierzu muss gesagt werden, dass der gesamte Matheunterricht an der Grundschule in englischer Sprache stattfindet.

Unzählige Aufgaben geht Hillary mit den Schülern durch, lobt, wenn die Ergebnisse richtig sind, lächelt auch bei einer falschen Antwort. "Hier herrscht eine großartige Atmosphäre", stellt sie nach der Stunde fest, trotz langweiliger Zahlen und Brüche.

Bei Tatiana geht es unterdessen spaßiger zu. Die Drittklässler löchern die Amerikanerin mit Fragen. "Wie bist Du hergekommen", will Laurin Lühmann wissen. "Mit dem Flugzeug über Berlin", erhält er als Antwort. "Was sind deine Hobbys", fragt Amira Mukbel den Gast. Tatiana tanzt und liest gerne. Zudem hat sie eine Schwäche für "Bollywood-Tanz", einem Modetanz zur gleichnamigen indischen Filmgattung, berichte sie den interessierten Schülern. Dabei vergeht die Stunde wie im Fluge.

"An deutschen Schulen dürfen Kinder noch Kinder sein."

Tatiana Jenkins

Nach dem Unterricht treffen sich die beiden Amerikanerinnen zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch. Sie sind sich einig, dass hierzulande teilweise ein besseres Arbeiten möglich ist, als in den USA. Allein schon, weil die Kinder ausgeglichener sind, erklären sie. "An deutschen Schulen dürfen die Kinder noch Kinder sein", sagt Tatiana und spielt damit auf den Umstand an, dass die einzige große Schulpause an den Schulen, wo sie schon praktiziert hat, von den Kindern zum Mittagessen genutzt werde. Viel Zeit zum Spielen oder Toben auf dem Schulhof bliebe da nicht.

Auf ihren nächsten und damit auch letzten Tag an der Bilingualen Grundschule freuen sich beide schon. Besonders Hillary, denn dann muss sie kein "langweiliges" Mathe, sondern Kunst unterrichten, oder zumindest dem Lehrer assistieren.

"Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Kaffee getrunken."

Hillary Myers

Die Zusammenarbeit mit den Lehrern loben die Beiden. Es habe viele Gespräche gegeben. "Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Kaffee getrunken wie hier", sagt Hillary. Doch der Käsekuchen, den es dazu gab, habe sie noch in sehr "leckerer" Erinnerung. Aber auch die deutsche Küche hätte sie lieben gelernt. "The Bratwurst was lecker", schwärmt Hillary halb deutsch, halb englisch vom Besuch in einem Stendaler Restaurant. "Und erst das Schnitzel", fügt Tatiana hinzu.

Überhaupt scheint es den jungen Frauen in der Altmark gefallen zu haben. "Wir waren in Tangermünde", berichtet Tatiana von ihrer Reise durch die Altmark. Die mittelalterliche Stadt erinnert sie etwas an Hameln, da, wo einer ihrer Brüder lebt, sagt sie.

Deutsch haben die beiden Frauen übrigens bis vor ein paar Monaten weder gut verstehen, noch sprechen können. Ein sechswöchiger Sprachkurs in Spartanburg sollte sie auf das Gröbste vorbereiten. "Wir haben uns in der Grundschule am Stadtsee mit den Kindern zum Teil mit Händen und Füßen verständigt", erklärt Hillary. Probleme habe es nie gegeben.

Nach ihrem Praktikum wollen Hillary und Tatiana auf jeden Fall wieder mal zu Besuch nach Stendal kommen, kündigen sie an. Dann sind sie vielleicht schon Grundschullehrerinnen.

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