Stendal l Mit ihrem ungewöhnlich anmutenden weißen Fell haben die Damhirsche offensichtlich immer mal wieder für Irritationen gesorgt. Wohl nicht nur die Volksstimme irrte bei der ersten Begegnung und löste mit der kleinen Geschichte um vermeintliche Ziegen und um weiße Rehe ein großes Leserecho aus.

"Ich habe die Tiere vor zirka zwei Wochen kurz vor der Zufahrt zum Abenteuerspielplatz bei Chausseehaus gesehen. Kurz danach kam durch den Verkehrsfunk die Durchsage, dort liefen zwei Ziegen auf der Straße", berichtet Werner Schwarzkopf aus Stendal. Jäger Karl Werte erzählt eine weitere Anekdote: Er habe einen Anruf erhalten, es stünden zwei Lamas nahe Chausseehaus.

"Aberglaube: Weiße Hirsche zu schießen bringt Unglück."


Der 77-jährige Waidmann weiß es besser. Weder Lamas noch Ziegen haben den Stadtforst erobert - auch keine weißen Rehe. "Es handelt sich um Damwild", klärt der Experte auf. Das sind Hirsche, die vor Hunderten von Jahren aus dem Orient nach Europa kamen, erläutert der Stendaler auf Volksstimme-Nachfrage. Und er erteilt einer in Leserzuschriften und Anrufen geäußerten Meinung eine Absage. "Die Tiere sind keine Albinos." Vielmehr seien für Damwild verschiedene Farbvarianten charakteristisch, beispielsweise wildfarben, porzellanfarben, schwarz - und eben auch weiß.

Weiß, fügt Werthe an, sei beim Jäger nicht so gern gesehen. "Ein alter Aberglaube lautet: Weiße Hirsche zu schießen, bringt Unglück", erzählt der Mann, der dem erweiterten Vorstand der Jägerschaft Stendal angehört. Von diesem Aberglaube berichtet auch Rudolf Schulz aus Perleberg, der bis vor kurzem in Hassel lebte und die Tiere immer mal wieder beobachten konnte.

Damwild zählt schon seit längeren zum Tierbestand im Stadtforst. Zu DDR-Zeiten habe die damalige Stendaler Jagdgesellschaft ein Wildgatter errichtet, um Damwild anzusiedeln. So gab es im Stadtforst sowie in den Bereichen Arnim, Staffelde und Storkau um die 50 bis 60 Tiere, darunter auch weiße, erinnert sich Werthe. Mit der politischen Wende, erzählt er weiter, sei das Wild dann aber "regelrecht zusammengeschossen" worden. Gemeinsam mit Förster Lohse habe er später Damwild aus der Region um Hohenwulsch in den Stadtforst geholt und auch in den Stendaler Tiergarten, den er kurzzeitig leitete.

Doch zurück zu den beiden weißen Exemplaren von heute. Laut Werthe handelt es sich um zwei weibliche Tiere, Mutter und Tochter. Eines davon hatte im Vorjahr ein Kalb zur Welt gebracht. "Das war nicht weiß, sondern wildfarben", so Werthe, der vermutet, dass es geschossen wurde. Für Ende Juni, Anfang Juli stellt er erneuten Nachwuchs in Aussicht, sei doch zumindest ein Tier tragend.

"Die Tiere im Stendaler Stadtforst sind wirklich super zahm."

Ob sich die Tiere dann immer noch so wenig vom Menschen beeindrucken lassen? Sie gelten als außergewöhnlich zutraulich. "Die Tiere im Stendaler Stadtforst sind wirklich super zahm", schätzt Ines Birk-Gebert ein, die ihnen sehr nahe kam und dem Duo den Namen weiße Wanderer gab. Diese geringe Menschenscheu kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr. Anrufer glauben, dass die Tiere aus einem Gehege stammen und dort ausgebüxt sein könnten.

Dem stimmt Jäger Werthe zu. Gehege habe es nach 1990 zahlreiche im Kreis Stendal gegeben, unter anderem um Wildfleisch zu produzieren. Doch "Vater Staat" habe auf die Bremse getreten. Da Gehegetiere in der Regel Zusatzfutter erhielten, sei ihr Fleisch nicht als Wildfleisch eingestuft worden. Und damit habe die Haltung in Gehegen an Lukrativität verloren.

Der Mehrzahl der Stadtforstbesucher dürfte allerdings egal sein, ob die weißen Wanderer im Gehege aufwuchsen oder ein bisschen mehr oder weniger wild sind. Für sie sind sie eine Attraktion.