Seit etwa eineinhalb Jahren betreiben die beiden altmärkischen Landkreise eine gemeinsame Einsatzleitstelle in Stendal. 30000 Einsätze werden von dort aus pro Jahr koordiniert.

Stendal l In der Leitstelle Altmark herrscht gespannte Ruhe. Nur ganz leise unterhalten sich die Mitarbeiter. Jeden Moment könnte das Telefon klingeln. So wie es das 40000 Mal im Jahr tut. "Daraus folgen 30000 Rettungseinsätze", erklärt der Zweite Beigeordnete des Landkreises Stendal, Sebastian Stoll. Die übrigen Anrufe verteilen sich auf Feuerwehreinsätze, Gespräche mit Kampfmittelbeseitigungsdiensten, Jagdpächtern. Die Unterhaltung mit ihm und dem im Altmarkkreis Salzwedel zuständigen Dezernenten Hans Thiele findet im Besprechungsraum statt, so wird niemand gestört.

Bevor die gemeinsame Leitstelle der beiden altmärkischen Landkreise von rund eineinhalb Jahren an den Start ging, hatte es viele Unkenrufer gegeben. Für Thiele nicht zum ersten Mal. Schon 1994, als die drei Leitstellen der Altkreise zu einer Einrichtung in Klötze vereint wurden, hatte es warnende Stimmen gegeben. Vor allem die Ortsunkenntnis wurde als ein großes Problem dargestellt. Doch mittlerweile, meint Stoll, "haben wir gegenseitig die Regionen kennengelernt", Thiele fügt hinzu: "Es läuft geschmeidig."

"Wichtig ist, dass die Mitarbeiter Hilfsbedarf erkennen."

Sebastian Stoll

Als die Entscheidung für die gemeinsame Leitstelle gefallen war, wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, um herauszufinden, mit wie vielen Mitarbeitern sie besetzt werden sollte. "Wir arbeiten im Zwei-Schicht-System und es sollten tagsüber drei, nachts zwei Mitarbeiter vor Ort sein", erläuterte Thiele das Gutachterresultat. Allerdings ist die Leitstelle derzeit 24 Stunden lang zu dritt besetzt. "Das wird auch noch bis zum Ende der Buga so sein, dann planen wir neu", sagte Stoll. In besonderen Situationen so wie kürzlich beim Sturmtief Niklas werde dann auch auf vier Mitarbeiter aufgestockt. "Aber bei diesem Sturm gab es nur punktuelle Einsatzlagen, davon allerdings sehr viele", so Thiele weiter.

Insgesamt sind 17 Mitarbeiter in der Leitstelle tätig. Anfangs waren es zehn aus dem Landkreis Stendal, sieben aus dem Altmarkkreis Salzwedel. Mittlerweile spiele das allerdings keine Rolle mehr, sind sich Stoll und Thiele einig, da gar nicht mehr die Urbesatzung in der Leitstelle tätig sei, manche Mitarbeiter überhaupt nicht in der Altmark wohnen. So wie Cathleen Scekpanek, die im Jerichower Land zu Hause ist. Ihr macht die Arbeit sehr viel Spaß. Jüngst hatte sie sogar ein besonderes Erfolgserlebnis. "Vor zwei Wochen habe ich übers Telefon die Wiederbelebung einer Frau an einer Supermarktkasse geleitet", erzählt die Rettungsassistentin.

Doch nicht immer enden solche Fälle glücklich. Für die Mitarbeiter der Einsatzleitstelle gibt es dann auch eine entsprechende Nachsorge, beispielsweise durch Michael Kleemann, in Personalunion Notfallseelsorger und Superintendent des Kirchenkreises Stendal. "Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Mitarbeiter von sich aus den Hilfsbedarf erkennen", sagt Sebastian Stoll.

Lieber einmal zuviel den Notarzt rausgeschickt als zuwenig."

Hans Thiele

Die Verantwortung auf den Schultern der so genannten Disponenten ist hoch. Sie müssen entscheiden, zu welchem Rettungsmittel gegriffen wird, vom Rettungswagen über den Notarzt bis zum Rettungshubschrauber. Dafür ist eine möglichst genaue Meldung des Anrufers entscheidend (siehe Kasten). "Es gab einmal eine Anruferin, die sagte, ihr Mann habe eine Kopfplatzwunde und die ganze Küche sei voll Blut", nannte Thiele ein Beispiel. Als der Notarzt eintraf, hatte der Mann ein Pflaster auf der Stirn und wischte die Küche. "Es war für den Mitarbeiter der Leitstelle nicht besser einzuschätzen", sagte Stoll, "lieber einmal zu viel den Notarzt rausgeschickt als einmal zu wenig".

Allerdings hat Thiele auch eine andere Ursache für die unnötige Alarmierung von Notärzten festgestellt. Nicht immer hätten die Bereitschaftsärzte der Kassenärztlichen Vereinigung Lust, zu einem Patienten zu fahren. "Die raten dann zur 112 und geben Tipps, wie bestimmt ein Notarzt losgeschickt wird." Was dann wiederum zu einem erhöhten Aufkommen in der Einsatzleitstelle in Stendal führe.

Und wenn der Notarzt einmal im Einsatz sei, dann gebe es keinen Spielraum für einen Ersatz. "Der Arzt ist dann erstmal weg und wenn ein anderer angefordert wird, können die Hilfsfristen nicht eingehalten werden", stellt Hans Thiele klar.

"Rückverfolgung ist auch bei unterdrückter Nummer möglich."

Hans Thiele

Und die Hilfsfristen müssen in 95 Prozent der Fälle eingehalten werden, ergänzt Michael Schneider, Leiter der Einsatzleitstelle. Rettungssanitäter müssen spätestens nach 15 Minuten, der Notarzt in 20 Minuten am Ort des Geschehens sein. Maßgeblich für die Hilfsfrist ist das Eintreffen des Rettungsmittels an einem Zielort, der an einer öffentlich zugänglichen Straße liegt.

Dafür würden auch die Möglichkeiten beider Landkreise genutzt, der in Seehausen stationierte Notarzt übernehme auch Einsätze in Arendsee. Für mehr als 100 Einsätze in der Altmark werden auch die Möglichkeiten der Luftrettung genutzt. Rettungshubschrauber sind in Berlin, Uelzen, in der Prignitz, Brandenburg und Magdeburg stationiert

Die Konstellation, dass der Notarzt der Region in einem anderen Einsatz war und der Kollege aus dem anderen Bereich nicht innerhalb der Hilfsfrist den Einsatzort erreichen konnte, trug mit zum Tod einer jungen Frau auf dem Salzwedler Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr bei. Trotz des tragischen Endes einer ganz schwierigen Situation, "die Rettungskette hat gegriffen", sind sich Stoll und Thiele einig.

"Es hat schon seinen Grund, das Notärzte entsprechend ausgebildet werden", so Hans Thiele. Das Krankenhaus habe auch nicht mal eben ein entsprechendes Auto zur Verfügung.

Ein Missbrauch der Notrufnummer ist übrigens strafbar. "Die Rückverfolgung des Anrufs ist auch bei unterdrückter Handynummer möglich", fügt Hans Thiele hinzu.