"Frau Müller muss weg" hat am Sonnabend auf der Hinterbühne des Theaters der Altmark Premiere gefeiert. Das Publikum hat sich köstlich amüsiert über das Theaterstück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das ein bekanntes Thema aufgreift: die Verblendung vieler Eltern und das erbitterte Ringen um die Gymnasialempfehlung.

Stendal l Wenn es um die eigenen Kinder geht, setzt der Verstand bei Eltern oft aus. Rechenschwäche? Aber nicht doch! Die Unruhe in der Klasse, die Unfähigkeit der Grundschullehrerin ist Schuld, dass im Kopf der Tochter die Zahlen herumschwimmen und sich nicht fügen. Übersteigertes Buhlen um Aufmerksamkeit, gepaart mit auffälliger Aggression? Das Kind ist unterfordert, sicherlich hochintelligent! Dass die Lehrer das Potenzial dieses Knaben nicht erkennen, ist nur ein weiterer Beweis ihrer Unfähigkeit.

Die Eltern der Klasse 4b haben um einen Termin mit der Klassenlehrerin gebeten. Alle Eltern der Klasse sind sich einig: Frau Müller soll die Leitung der Klasse abgeben. Kurz vor der Schullaufbahnempfehlung haben sich die Noten der Kinder in den meisten Fällen verschlechtert. Die Atmosphäre in der Klasse ist auch nicht gut.

Gekommen zu dem Gespräch sind fünf: Das Ehepaar Jeskow (Andreas Müller und Annett Siegmund) ist sehr aufgebracht, dass sein Lukas selbst nach fast einem Jahr immer noch nicht in der Klassengemeinschaft aufgenommen worden ist. Katja (Michaela Schulz) kann über die Noten ihres Fritz´ nicht meckern, will sich jedoch solidarisch mit der übrigen Elternschaft zeigen. Wolf (Volker Wackermann), der jetzt, da er arbeitslos ist, viel Zeit hat, sich um seine Janine zu kümmern, ist regelrecht entsetzt, wie ungern seine Tochter in die Schule geht, wie ihr die Lösung von Rechenaufgaben zunehmend Schwierigkeiten bereitet.

Und schließlich ist da Jessica Höfel (Simone Fulir), eine taffe Ministeriumsmitarbeiterin. Sie ist die Wortführerin, "nordet" die anderen vor der Begegnung mit der Lehrerin ein: "Ich rede!" Sie will in einer halben Stunde mit allem fertig sein. Natürlich kommt es anders: Mit Frau Müller (Angelika Hofstetter) hat man nicht so ein einfaches Spiel.

Und so gibt es für alle Eltern augenöffnende Momente. Seiten werden gewechselt, es kämpfen "Ossi" gegen "Wessi", Ehemann gegen Ehefrau.

Das Autorenpaar Hübner und Nemitz spielt mit sämtlichen Vorurteilen, überspitzt sie, demontiert sie, und schafft damit, dass jeder Zuschauer Déjà-vu-Erlebnisse hat. Ähnliches kann in vielen Elternversammlungen erlebt werden. Natürlich möchten Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Wolf: "Ich habe mehr Angst vor dem Zeugnis als Janine! Ich kann kaum noch schlafen!" Aber ist der Besuch einer höheren Schule auch immer das Beste fürs Kind? Und die Lehrerschaft? Sie sieht sich immer mehr einer Elternschaft gegenüber, die meint, alles hinterfragen zu können, bis hin zum Unterrichtsstil.

Es ist ein äußerst aktuelles und amüsantes Stück, das von Regisseurin Julia Heinrichs geschickt inszeniert wurde. Schauplatz ist der Klassenraum (Ausstattung: Mark Späth), der im Laufe der Handlung ebenso demoliert wird wie die festen Überzeugungen der Eltern. Die sechs Darsteller überzeugen allesamt in ihren Rollen. Drei stechen besonders heraus: Simone Fulir als Mutter ohne Illusionen, Volker Wackermann als "Helikopter-Vater" und Annett Siegmund als völlig verblendete "Übermutti".

Das Publikum hatte viel zu lachen und bekam Stoff zum Nachdenken mit auf den Weg. Reichlich und verdienter Applaus nach anderthalb Stunden.

Nächste Aufführungen: Sonntag, 31. Mai, 18 Uhr, Sonntag, 14. Juni, 18 Uhr und Sonnabend, 20. Juni, 19.30 Uhr