Ein Kursteilnehmer sitzt in Stendal, einer in Halle und der Lehrer in Wuppertal. Sie sprechen über ein Headset miteinander - Im Webinar ist vieles anders als bei klassischen Weiterbildungen. Trotzdem ist diese Methode auf dem Vormarsch.

Stendal l Mit einem Klick öffnet Kristin Fels eine PDF-Datei, schon erscheint die Skizze eines Lagerraumes auf dem linken Bildschirm der 26-Jährigen. Über die Skizze fährt wie von Zauberhand der Mauspfeil, beschriftet mit dem Namen ihres Kursleiters. Durch das Headset, das die junge Frau aufhat, ist dessen Stimme zu vernehmen. Er geht mit ihr und den anderen Kursmitgliedern eine Gruppenaufgabe durch. "Schon komisch, dass man die Leute hier nur hört und nicht sieht", sagt die 26-jährige Stendalerin.

Kristin Fels ist Teilnehmerin eines sogenanten Webinars, eines Fortbildungskurses, der ausschließlich im Internet, auf einem speziellen Lernserver stattfindet. Mit den anderen Teilnehmern und ihrem Trainer kommunizieren kann Fels über Audiokanäle oder eine Chatleiste. Ihre Gesprächspartner sitzen in Halle, Weißenfels oder Darmstadt, der Trainer in Wuppertal. Seit über drei Monaten kommt Kristin Fels fünfmal die Woche für jeweils acht Stunden in die Räume des Fortbildungsanbieters WBS Training AG in Stendal, bildet sich hier am Computer zur Fachkraft für Lagerlogistik weiter. "Vorher habe ich bei einem Osterburger Pharmaunternehmen im Lager gearbeitet", sagt Fels, die eigentlich gelernte Bürokauffrau ist. Doch als alleinerziehende Mutter eines drei Jahre alten Sohnes habe sie nicht mehr im Schichtdienst arbeiten können.

Arbeitsagentur bewilligte Webinarteilnahme

Damals hatte sich Fels an die Agentur für Arbeit in Stendal gewandt, die bewilligte ihr die Fortbildung bei WBS. Dort hat man mit virtueller Weiterbildung schon seine Erfahrung. "Aufgrund der technischen Entwicklung ist der Anteil der webbasierten Seminare in den vergangenen Jahren stetig gewachsen", sagt Agentursprecherin Katrin Schmalenberger-Laukert. Zeitgleich steige auch das Interesse der Qualifizierungswilligen an solchen Maßnahmen.

Auch die Agentur selbst bietet Schmalenberger-Laukert zufolge seit längerem E-Learning über ihre Website an. Kunden, die Interesse an den Webinaren hätten, könnten das beim Jobcenter Stendal ansprechen. Bei Notwendigkeit und Eignung würden dann entsprechende Bildungsgutscheine ausgehändigt. "Wir weisen unsere Kunden nicht zu, es besteht freie Trägerwahl", bekräftigt Schmalenberger-Laukert.

Auch Kristin Fels hatte sich über Träger und Fortbildung zuvor umfassend informiert. Schließlich fand sie, was sie suchte. "Lagerarbeit hat mir immer Spaß gemacht, hier kann ich sie mit meinem Lehrberuf kombinieren", erklärt Fels. Noch bis Juni wird sie bei WBS die Schulbank drücken. Was danach kommt, weiß die junge Frau noch nicht. "Vielleicht kann ich ja mit der Qualifikation wieder in meinem alten Betrieb in Osterburg anfangen", hofft sie, wegziehen wolle sie nur ungern.

Regelmäßige Pausen sind beim Webinar Pflicht

Zusammen mit Kristin Fels sitzen noch zwei weitere Webinar-Teilnehmerinnen im Raum. Hinter ihr eine 48-Jährige aus dem Landkreis Stendal. Sie hatte in der Vergangenheit arge Probleme mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber und Kollegen, darum möchte sie ihren Namen nicht nennen. Nur soviel sagt die Frau, die sich bei WBS gerade zur Büroassistentin fortbildet, dazu: "Ich komme eigentlich aus einem komplett anderen Beruf." Das Lernen sei ihr anfangs schwergefallen, allein schon, weil sie nur an diesem Computer sitzen müsse, doch daran habe sie sich mittlerweile gewöhnt. "Die Augen werden stark beansprucht", sagt sie. Regelmäßige Pausen seien da Pflicht. Einmal habe sie aus Frust über zu schwierige Aufgaben alles hinschmeißen wollen, aber der Coach hätte sie daraufhin wieder motiviert, weiter zu machen.

Neben ihr sitzt die 32-jährige Nancy aus Stendal. Sie arbeitet gerade an einer Excell-Tabelle. "Ich jongliere fast täglich mit Zahlen", beschreibt sie ihre Tätigkeit während des Webinars. Für sie ist das nichts Neues, sagt die gelernte Bürokauffrau. Zuvor hatte sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, war in der Gastronomie tätig. Damit sei sie kläglich gescheitert, darum mache sie jetzt die Weiterbildung zur Fachkraft für Lohn- und Gehaltsbuchung.

Mit wichtiger Software zur Lohn- und Gehaltsabrechnung hat sich die Stendalerin schon vertraut gemacht. Diesen Kurs unterrichtet unter anderem Heiko Lubich aus Weißenfells. Seit zehn Jahren arbeitet er als freier Coach, wie übrigens die meisten der für WBS tätigen Lehrkräfte. Seit vier Jahren ist Lubich, wie er sagt, auch "virtuell" dabei. Klarer Vorteil dieser Lehrmethode ist nach seiner Schilderung das konzentriertere Arbeiten ohne viel Ablenkung. Hin und wieder käme es auch vor, dass Teilnehmer ein Klassentreffen arrangierten. "Das ist toll, wenn man die Schüler dann mal real sieht", sagt Lubich.