Die Kassenärztliche Vereinigung sieht im Landkreis Stendal derzeit noch eine Überversorgung an Kinderärzten. Doch schon bald könnte die Situation prekär werden. Für ausscheidende Ärzte können keine Nachfolger gefunden werden. Bemühungen gibt es zahlreiche.

Stendal l Gibt es in Stendal einen Mangel an Kinderärzten? Hierüber gehen die Ansichten auseinander. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Magdeburg gibt es eine statistische Überversorgung mit einem Wert von 118,5 Prozent. Wer sich bei den Ärzten selbst und auch bei Eltern umhört, bekommt einen etwas anderen Eindruck. Bemühungen, junge Ärztekollegen für die Region gewinnen zu können, laufen jedenfalls seit Jahren ins Leere.

Zuzügler werden verwiesen an Allgemeinmediziner

Gerade für Eltern, die neu nach Stendal kommen, ist es nicht einfach, einen Kinderarzt zu bekommen. Ein Beispiel ist die junge Mutter Kristin Sternberg aus Hüselitz bei Tangerhütte. Sie zog vor drei Jahren nach Stendal. Sie hat einen sechsjährigen Sohn Jonas und eine drei Monate alte Tochter. "Da ich mit dem Großen nicht so oft zum Kinderarzt muss, bin ich mit ihm beim Kinderarzt in Tangerhütte geblieben." Für die Tochter wollte die Mutter einen Kinderarzt in Stendal.

"Die Auswahl ist ja nicht so groß", sagte Kristin Sternberg. Man wies sie freundlich darauf hin, dass sie doch mit ihrer kleinen Tochter den Arzt ebenfalls in Tangerhütte nehmen solle. Letztlich wurde sie aber doch von der Stendaler Kinderärztin Christine Mädge aufgenommen. Weniger Glück hatte Jeannette Schubert, die aus Wanzleben nach Stendal kam. Sie wurde mit ihrer neun Jahre alten Tochter gleich an einen Allgemeinmediziner verwiesen.

Im Landkreis Stendal gibt es noch fünf niedergelassene Kinderärzte, die insgesamt 16277 Einwohner unter 18 Jahren versorgen, wie die KV bestätigt. Statistisch versorgt jeder Kinderarzt 3255 junge Patienten. Von den fünf Ärzten sind drei in Stendal ansässig. Bis 2013 hatte es in der Stadt noch fünf Kinderärzte gegeben.

"Problematisch ist, dass von den fünf Ärzten nur zwei Vollzeit arbeiten", sagt der Stendaler Kinderarzt Ingo Heber, der sich vor Zulauf kaum retten kann. Statistisch erfasst die KV nur volle Stellen. Nach Ansicht des Stendaler Mediziners ist die Situation in der Stadt aber immer noch akzeptabel. "Es gibt Landkreise in der Bundesrepublik, die keinen einzigen Kinderarzt haben." Es sei noch etwas der "DDR-Tradition" geschuldet, dass die Versorgung hier noch relativ gut sei. Allerdings sehe er pessimistisch in die Zukunft, da von den fünf Kinderärzten eine Kollegin bald in Rente gehe und weitere in nicht all zu ferner Zukunft folgen werden.

Bemühungen, junge Kollegen nach Stendal zu holen, sind reihenweise gescheitert. "Ich versuche schon seit Jahren, einen jungen Arzt mit in die Praxis zu nehmen", sagt Heber. Die Kapazität gebe eine Gemeinschaftspraxis her. Allerdings habe er keinen Anwärter herlocken können. Einen eigenen Assistenzarzt könne er nicht aufnehmen, da er dessen Ausbildung selbst finanzieren müsste. Allgemeinmediziner bekämen dagegen von der KV einen Zuschuss.

Die Kassenärztliche Vereinigung ihrerseits schreibt bereits seit Jahren Stellen für Stendal immer wieder aus. Bewerbungen sind aber Fehlanzeige.

Landkreis hat eine "attraktive Stelle"

Die 62-jährige Stendaler Kinderärztin Christine Mädge bemüht sich ebenfalls händeringend um eine Nachfolge, um in absehbarer Zeit in Rente gehen zu können. "Ich mache weiter, bis es geklappt hat", sagt Mädge. Sie hat eine Assistenzärztin in der Praxis. Allerdings sei nicht klar, ob diese tatsächlich die Praxis übernehmen werde.

Amtsärztin Iris Schubert vom Landkreis Stendal kennt die Situation bei den Kinderärzten genau und bemüht sich, für Abhilfe zu sorgen. In der Behörde - die keinen Versorgungsauftrag hat - gibt es bereits anderthalb Kinderarztstellen, und der Bedarf für eine weitere Stelle sei vorhanden. "Allein mit Begutachtungen sind wir gut ausgelastet", sagt sie. Schubert hat vor kurzem den Versuch gestartet, eine weitere Stelle zu schaffen. Sie möchte einen Arzt in Ausbildung herholen, der kurz davor stehe seinen Facharzt zu machen. Gerade, weil es beim Landkreis keinen Schichtdienst gebe, so wie dies im Krankenaus der Fall ist, handele es sich um "eine attraktive Stelle", findet die Amtsärztin. Bei den Ärzten in Ausbildung gebe es viele Frauen, die vielleicht auch eine Familie gründen möchten. "Die wollen nicht unbedingt Schichtdienst machen oder eine eigene Praxis eröffnen." Familie und Beruf seien gut vereinbar.

Es sei darüber hinaus angedacht, zusammen mit der Kinder- und Jugendklinik in Stendal eine kinderärztliche Sprechstunde anzubieten. "Gespräche dazu haben wir schon geführt", sagt Iris Schubert. Insbesondere die derzeit zusätzlich dazustoßenden Kinder von Asylbewerbern könnten darüber aufgefangen werden, sagt sie. Es solle hierdurch allerdings keine weitere Kinderarztstelle blockiert werden. "Wenn sich jemand findet, der eine Praxis aufmachen möchte, dann würden wir uns aus dem Krankenhaus sofort wieder zurückziehen."

Trotz ausgereifter Idee und Ausschreibung gab es bisher keine Bewerber.

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