Vor zehn Jahren riefen der Kreisverband der Gartenfreunde,die Akademie facultas und das Jobcenter das Projekt "Tafelgärten" ins Leben. Seither fanden dort über 1000 Langzeitarbeitslose für mehrere Monate eine Tätigkeit.

Stendal l "Endlich kommt man mal aus der Wohnung raus", sagt Marion Ehrhardt, die in einer herrenlosen Parzelle im Stendaler Gartenverein "Tierzucht" ein Beet auflockert. Die Stendalerin fügt nachdenklich an: "Und man hat was Sinnvolles zu tun. Die Ernte aus den Gärten geht ja an die Tafel." Ehrhardt, die seit vielen Jahren arbeitslos ist und glaubt, mit ihren 62 Lenzen "keine Chance auf einen Job" zu haben, ist derzeit im Projekt "Tafelgärten" tätig.

Das Projekt verfolgt zwei Anliegen - zum einen Langzeitarbeitslosen eine vorübergehende Arbeit zu geben, zum anderen brachliegende Flächen in Gartenvereinen wieder zu erschließen. Vor zehn Jahren wurde es aus der Taufe gehoben. Seither haben 1058 Frauen und Männer "Gartenflächen urbar gemacht, Obst und Gemüse angebaut und geerntet", berichtet Isolde Kuntze, Facultas-Bereichsleiterin.

25000 Quadratmeter werden beackert

Rund 25000 Quadratmeter bewirtschaften Langzeitarbeitslose innerhalb des "Tafelgärten"-Projektes jährlich und haben in den zehn Jahren etwa 154000 Kilogramm Obst und Gemüse geerntet. Die Kartoffeln, Möhren, Gurken, Bohnen, Kohlrabi, Kürbisse gingen getreu dem Projekt-Motto "Bedürftige helfen Bedürftigen" an die Stendaler Tafel, aber auch an die Suppenküche Stendal, den Stendaler Saftladen, das Frauenhaus sowie an Altenheime und in Kindereinrichtungen.

"Frisches Obst und Gemüse sind eine feine Sache und gefragt", erklärt Bärbel Kohl. Wie die Leiterin der Stendaler Tafel berichtet, habe die Hilfsorganisation am vergangenen Sonnabend in der Rolandstadt 240 Leute versorgt und damit ihre Kapazität ausgeschöpft. Kohl: "Uns hilft das Projekt ungemein."

Doch nicht allein für die Tafel und die anderen Ernteabnehmer habe das Projekt einen positiven Effekt, macht Kuntze deutlich, die einschätzt: "Die Frauen und Männer, die im Projekt arbeiten, fühlen sich wieder gebraucht. Das steigert ihr Selbstbewusstsein."

Das bestätigt Peter Riebeseel, der die Aktion vor nunmehr zehn Jahren als Vorsitzender des Stendaler Kreisverbandes der Gartenfreunde angestoßen hatte, um etwas gegen den Leerstand in den Vereinen zu tun. Das sei gelungen. Darüber hinaus hätten Langzeitarbeitslose mit der Gartenarbeit zu sozialen Kontakten gefunden, wären so mitunter förmlich aufgeblüht, hat er beobachtet.

Riebeseel, inzwischen Präsident des Landesverbandes, spricht bei der Umsetzung des "Tafel"-Projektes von einer "guten Symbiose von Gartenverband, Facultas und Jobcenter." Zudem erinnert er daran, dass Kleingärten öffentliches Grün seien und das Projekt damit gepflegte Anlagen mit sich bringe.

Auch deshalb hofft Manfred Meckel, dass "das Projekt breitgefächert" fortgeführt wird. Der jetzige Chef des Gartenfreunde-Kreisverbandes Stendal meint: "In zahlreichen Anlagen wurden verwahrloste Gärten urbar gemacht. Wenn dann ein Bewerber für eine Parzelle vor der Tür steht, dann ist ein vernünftiger Garten da."

Auch Burkhard Fischer bestätigt, dass es "gut läuft" mit den Tafelgärten. Der Mitarbeiter des Jobcenters merkt an: "Die Teilnehmer sehen das Ergebnis ihrer Arbeit." Mit Verweis auf die Tafel fügt er an: "Und sie sehen, dass sie mit ihrer Arbeit andere Leute glücklich machen."

Kleingärtner bedanken sich mit Grillfest

Glücklich seien ebenso zahlreiche Kleingärtner, versichert Ulrich Drösemeyer, Vorstandsmitglied der Kreisverbandes. Die demografische Entwicklung mache es den Gartenvereinen schwer, alle Parzellen zu bewirtschaften. "Die Tafelgärten verbessern das Gesamtbild der Anlagen", macht er klar. "Das unterstützen die Vereine", sagt er und plaudert aus seinem Verein "Freundschaft" in Tangerhütte: "Wir sorgen innerhalb der Aktion für Strom, Wasser und Pflanzen. Um die 500 Pflanzen stellen wir jährlich für die Tafelgärten bereit und organisieren für die Teilnehmer der Maßnahme auch schon mal ein Grillfest."

Riebeseel nickt zustimmend. "Als wir das Projekt begonnen haben, wollten einige Vereine für die Tafelgärten Pacht und Mitgliedsbeiträge. Inzwischen bringen sie Pflanzen und freuen sich über den Einsatz." Den gab es bislang in elf Vereinen in sieben Städten: Tangerhütte, Tangermünde, Bismark, Klietz, Seehausen, Osterburg und Stendal.

"Schön, wenn man was Sinnvolles machen kann"

In Stendal ist ein Einsatzort der Verein "Tierzucht". Vier Gärten stehen dort leer, berichtet Vorsitzender Burkhard Köpke. Die werden nun von den "Tafelgärtnern" wie Marion Ehrhardt beackert. Köpke befindet: "Die Flächen waren teilweise verkrautet. Das haben die Teilnehmer des Projektes wieder geändert. Damit bleibt das gute Aussehen unserer Gartenanlage erhalten."

Marion Ehrhardt und ihre Mitstreiter freuen sich über solchermaßen Lob. "Schön ist vor allem, dass man wieder was Sinnvolles machen kann", sagt sie noch einmal.

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