Volksstimme: Frau Klein, hat Ihnen unser Engelchen viel Mühe gemacht?

Kerstin Klein: Er war schon ziemlich hinüber und hatte eine Kur dringend nötig. Drei bis vier Wochen habe ich mir da in meiner Werkstatt in Halle an der Saale schon Zeit für ihn genommen.

Volkstimme: Was hat Ihnen dabei besonders viel Freude gemacht?

Klein: Es machte mir schon Spaß, ihm die Zehennägel zu putzen und die Augenbrauen nachzuziehen.

Volksstimme: Sie sprechen so überzeugt von "ihm". Das geflügelte Wesen ist also männlich?

Klein: Ja, ja, er ist eindeutig ein Junge.

Volksstimme: Haben Sie unter seine Kutte geschaut?

Klein: Das war nicht notwendig. Schauen Sie sich seine starken Schlüsselbeinknochen und das tief ausgeschnittene Gewand an. So haben die Holzschnitzer seiner Zeit nicht Mädchen, sondern Jungen darstellt.

Volksstimme: Bevor Sie ihn zum Kuren zu sich geholt haben, war der arme Kleine völlig von Würmern durchlöchert. Jetzt ist er glatt wie ein Babypopo. Haben Sie alles zugeschmiert?

Klein: Ja, mit einem modernen Holzfestiger, der nicht starr ist, sondern die Bewegungen des Holzes mitmacht und bei Bedarf wieder entfernt werden kann. Aber nicht nur das: Ich habe ihm auch ein Gift injiziert – gegen die Würmer.

Volksstimme: Der Engel hat einen Nagel im Mund und schien früher irgendetwas in seiner erhobenen rechten Hand zu halten. Haben Sie eine Ahnung, was das war?

Klein: Höchstwahrscheinlich ein Instrument. Ich dachte anfangs an eine Schalmei, aber dazu passt die Körperhaltung nicht. Es muss ein gebogenes Instrument gewesen sein. Was, das überlass ich Fachleuten.