Die Bindfelder Kirchenglocke geht auf Reisen. Nachdem im Herbst die Halterung des Klöppels zerbrochen war, wird diese nun in einer bayrischen Spezialwerkstatt repariert. Gestern wurde die Glocke in einer spannenden Aktion aus dem Turm gehievt.

Bindfelde. 15 Meter Höhe sind ein Kinderspiel. Da haben Andreas Kupsch und Hartmut Pillasch schon ganz anderes erlebt – die Dresdner Frauenkirche zum Beispiel oder den Halberstädter Dom. Aber langweilig ist der Auftrag gestern keinesfalls: Die Glocke der Bindfelder Kirche muss durch das relativ enge Turmfenster manövriert und schließlich sachte an einem Seilzug herabgelassen werden. 500 Kilogramm Bronze sind zu bewegen.

"Bei jeder Glocke, in jedem Turm ist es anders", sagt Kupsch, während sein Kollege auf der am Tag zuvor eingebauten Balkenkonstruktion sitzt und die Flaschenzüge anbringt. "Wir müssen sehen, dass die Glocke möglichst sanft den Turm verlässt." Das Mauerwerk rund um die Luke ist nicht belastbar, vom Sims ist auch schon ein Stück herausgebrochen.

Dass die beiden Glockentechniker aus Berlin an diesem windigen Freitagmorgen im Bindfelder Kirchturm zugange sind, hat seine Ursache in einem kleinen Unglück im September 2009. "Die Glocke tat auf einmal ihren Dienst nicht mehr, und es stellte sich heraus, dass die Halterung des Klöppels herausgebrochen war. Sie war verrostet", erklärt Pfarrer Joachim Kähler von der Stendaler Stadtgemeinde gestern, während er genauso wie andere Zaungäste gespannt darauf wartet, dass die Glocke die ersten Zentimeter aus der Luke geschoben werden würde.

Inschriften an der Glocke gibt es nicht. Vermutlich wurde das 500 Kilogramm schwere Stück 1464 gegossen und ist damit eine der ältesten Kirchenglocken der Region. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hat die Glocke im Kloster am Mönchskirchhof gehangen, bevor sie nach Bindfelde gebracht wurde. Im Turm der Kirche hatte sie augenscheinlich zu früheren Zeiten auch noch Gesellschaft. Die Halterung und der ziemlich verrostete Klöppel einer zweiten, kleineren Glocke sind zu erkennen.

Die Hilfe einiger starker Männer ist nötig, um die Glocke vorsichtig vom Turm herabzulassen. Während Andreas Kupsch aus der Luke lenkt und dirigiert, schaffen drei Männer unten ein Gegengewicht und halten die Glocke per Seil vom Mauerwerk fern. Sie landet schließlich sanft und heil am Boden, wird noch in einer kuriosen Aktion per Traktor ums Eck gezogen, bevor sie auf den Transporter verladen wird. Die Reise geht nach Bayern, in Nördlingen gibt es ein Glockenschweißwerk, das sie wieder auf Vordermann bringt.

10 000 Euro wird die Stadtgemeinde für die ganze Aktion, inklusive Maurerarbeiten am Turmfenster, aufbringen müssen. Wer möchte, so Pfarrer Kähler, kann die Arbeiten mit einer Spende unterstützen (KKA Stendal, Konto: 155 824 60 37, BLZ: 350 601 90, KD-Bank Duisburg).

Die Bindfelder immerhin vermissen die Glocke und ihren Klang, sagt Kähler. "Sie haben schon gefragt, wann sie wieder läutet. Schön, dass die Menschen das als wichtig empfinden."

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