Er hat viele Volksstimme-Beiträge und Artikelserien, zum Beispiel über Stendaler Gasthäuser, mit historischen Ansichten bestückt, hat aus seiner nahezu unerschöpflichen Sammlung mehrfach Ausstellungen zusammengestellt. Horst Dietrich ist wohl der bekannteste Stendaler Postkartensammler. An diesem Sonntag feiert er seinen 80.Geburtstag.

Stendal. Die Keimzelle seiner Sammlung, die heute mehrere Zehntausend Postkarten umfasst, liegt unbeachtet in einer Kellerecke: Ein schmales Album mit Karten aus dem Ersten Weltkrieg, das deutsche Soldaten bei Kämpfen in Frankreich, Russland oder Polen zeigt, hat vor rund vier Jahrzehnten die Sammelleidenschaft in Horst Dietrich entfacht.

"Das war ein Geschenk meines Stiefvaters, eines schon etwas älteren Herrn, den meine Mutter heiratete, nachdem mein Vater nach dem Zweiten Weltkrieg aus russischer Gefangenschaft nicht mehr heimkehrte", blickt Horst Dietrich zurück in seine Familiengeschichte.

So haben beide Väter in ihm ihr Vermächtnis hinterlassen: der Stiefvater die Liebe zu den kleinen bunten Karten, der leibliche Vater das zweite große Hobby seines Lebens: das Boxen. Horst Dietrich bestand 1948 in Arneburg, da war er 17 Jahre alt, seinen ersten Kampf im Weltergewicht, das bedeutet bis 134 Pfund. Bis 1973 absolvierte er 79 Kämpfe für Lok Stendal, brach sich die Nase, wie sich das gehört, den linken Daumen auch noch. Nach seiner aktiven Zeit war er noch jahrelang als Übungsleiter tätig. Die schlagkräftige Faust vererbte er auch seinen beiden Söhnen, die ebenfalls eine zeitlang die Boxhandschuhe anzogen.

Doch zurück zu den Postkarten. Gut sortiert in Hunderten von Ordnern, liegt der Schwerpunkt seines Sammel-Lebenswerks in historischen Ansichten von Stendal und der Altmark. Ob es auch nur ein gedrucktes Stendaler Ansichtskartenmotiv seit 1890 gibt, das sich nicht in seinen Alben wiederfindet, ist schwer vorstellbar. Allein die Vielfalt von Straßenszenen mit Pferdebahn ist beeindruckend.

Dietrich hat seine Karten aus Stendal alphabetisch nach Straßen, Kirchen, Schulen geordnet; auch die Stadttore nehmen einen eigenen Ordner ein. Weiter geht es mit den übrigen Städten und Dörfern der Altmark, um schließlich in andere deutsche Regionen, vor allem nach Pommern und Ostpreußen, vorzustoßen.

Den Ansatz, Ansichtskarten aus aller Welt zu sammeln, hat er frühzeitig aufgegeben: "Das wurde mir zu viel." Dafür beschäftigen sich ganze Alben mit Weihnachten und den übrigen Festen im Kirchenjahr oder übermitteln beste Wünsche zum neuen Jahr. Feldpostkarten nehmen eine weitere Abteilung seiner Sammlung ein.

Hatte der Sammler und Boxer Horst Dietrich überhaupt Zeit für Familie und Broterwerb? Er hatte. "Ohne meine liebe Frau hätte ich das alles gar nicht schaffen können", sagt er und wirft einen liebevollen Blick zu seiner Ruth. Die heute 82-Jährige ist nicht nur Ehe-, sondern auch Hobbypartnerin. Jahrzehntelang fuhren sie gemeinsam zu Tauschtagen und Flohmärkten von Stralsund bis Dresden, nach der Wende auch in Richtung Westen. "Auch mir", sagt Ruth Dietrich, "hat das immer viel Spaß gemacht."

Seit 1954 sind sie miteinander verheiratet, zählen zwei Söhne und drei Enkel zu ihrer Familie. Auf das Urenkeltöchterchen, das unterwegs ist, freuen sich beide ganz besonders. Kennengelernt haben sich Ruth und Horst in dem Betrieb, in dem beide bis 1990 arbeiteten, er als Kfz.-Schlosser, sie in der Verwaltung des einstigen VEB KIK an der Uenglinger Straße.

Horst Dietrich hat sich damit abgefunden, dass seine Sammlung nicht weiter wächst. Die Gesundheit lässt das Reisen zu Tauschtagen nicht mehr zu. Nur die Fachzeitschrift der Ansichtskartensammler, die er alle Vierteljahre bekommt, lässt ihn noch am Hobbygeschehen der Philokartisten teilhaben.

Doch eines beruhigt ihn: Den Kern der Sammlung, die Abteilungen Stendal und Altmark, wird sein Sohn Ralf übernehmen. Andere Teile will er irgendwann dem Stadtarchiv oder dem Altmärkischen Museum vererben. Im Herzen bleibt Horst Dietrich ein leidenschaftlicher Sammler bis zum letzten Tag.