Bis zum 31. März ist der Lüderitzer Landarzt Klaus Prosowski noch im Einsatz, dann hängt er Stethoskop und Blutdruckmesser an den Nagel. Mit 71 und einem halben Jahr sei ihm das wohl gegönnt. Dennoch, sagt Anny Ramstorf (89) bei seinem letzten geplanten Hausbesuch: "Wir werden sie sehr vermissen, Herr Doktor."

Lüderitz. Für die Menschen in Lüderitz und Umgebung bedeutet der Ruhestand des Landarztes, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, eine große Einschränkung. Auch für die Bereitschaftsdienste, die ihn stets durch die ganze heutige Einheitsgemeinde, bis nach Kehnert geführt haben, wird er ab April nicht mehr zur Verfügung stehen. 44 Jahre lang hat Sanitätsrat Klaus Prosowski die Menschen der Region betreut, wenn es ihnen schlecht ging, ist bei Unfällen, auch mit Todesfolgen, im Einsatz gewesen, hat sogar Hausentbindungen vorgenommen und Schwangerenberatungen durchgeführt.

"Ich bin als junger Dachs hergekommen, jetzt gehöre ich dazu", sagt Prosowski. Früher wurde noch eine Fahne rausgehängt, wenn ein Krankentransport benötigt wurde. "Dann haben die einfach angehalten, wenn sie vorbeigefahren sind", erzählt er. Auch wenn das alte Auto, mit dem er über die Dörfer fuhr, mal wieder den Geist aufgegeben hatte, wurde improvisiert. "Ich wusste ja, wann der Milchwagen kommt, dann habe ich eben auf den gewartet".

Die Zeiten haben sich geändert. Und auch wenn er nicht mehr, wie am Anfang in Anzug und Krawatte zu seinen Patienten kommt, so ist er dort doch mindestens genauso gern gesehen wie damals. "Wir werden sie sehr vermissen", sagt Anny Ramstorf. Die alte Dame, die 1937 nach Lüderitz kam und von Anfang an einen guten Draht zum "Doktor" hatte, kann sich zwar manchmal nicht mehr so genau erinnern, wie alt sie eigentlich ist, dafür weiß sie noch genau, wie das damals war: "So ein junger Arzt, da haben manche gesagt: Wie kannst du denn dahin gehen? Aber ich hatte gleich Vertrauen zu ihm, konnte immer mit ihm reden.", erzählt sie und sagt: "Wenn mal was war, dann war er immer schnell ran."

Das wird sich wohl erst einmal ändern, denn ein Nachfolger für den beliebten Landarzt ist nicht in Sicht. "Da müsste schon was getan werden, denn das Land ist nicht besonders attraktiv für junge Leute. Als ich damals aus Mecklenburg herkam, gab es 175 Ostmark mehr als in der Stadt. Und ich glaube auch heute ist der Ärztenachwuchs nur mit Geld zu locken", sagt Prosowski.

Immerhin stehen für einen Landarzt nicht nur die Sprechstunden und Hausbesuche auf dem Programm, auch ein- bis zweimal pro Quartal muss er eine Woche Bereitschaft übernehmen, damit Notfälle abgesichert sind. Wer dann noch Kinder hat, der überlege sich das Ganze oft zweimal, sagt er.

Auch Annemarie Sandau, Leiterin der Sozialstation und Tagespflege des Paritätischen in Lüderitz bedauert den Ruhestand des Arztes "von Nebenan". "Wir wollten aber auch mal danke sagen, für alle Patienten in der Region", sagt die frühere Gemeindeschwester aus Buch, die den Arzt seit 1985 kennt. Damals war der Hausarzt eben für alles zuständig, dann kam die Wende, Ärzte und Gemeindeschwestern wurden entlassen. Prosowski machte sich selbständig, Annemarie Sandau baute die Sozialstation in Lüderitz mit auf, die immer einen direkten Draht zu Prosowski hatte.

In der Lüderitzer Tagespflege der Sozialstation wird heute auch Anny Ramstorf betreut, unter anderem von Ute Jankovics. Auch sie war jetzt beim letzten geplanten Hausbesuch Prosowskis, der mit einem blumigen Dankeschön verbunden wurde, dabei. Anny Ramstorf fühlt sich als siebenfache Mutter, 15-fache Großmutter und 29-fache Urgroßmutter in der Tagespflege sehr wohl: "Das ist Gold wert!", sagt sie. Es wird gebastelt, Sport gemacht und das Gedächtnis trainiert, außerdem ist sie auch tagsüber unter Menschen. Und auch wenn Landarzt Prosowski bald im Ruhestand ist, will sie mit ihm über den Gartenzaun neben der Tagespflege ab und zu ein Pläuschchen halten, das hat sich die fast 90-Jährige fest vorgenommen.