Gestern war Landtagswahl - natürlich nur eine simulierte, und nur an der Comenius-Schule Stendal. Hier probten Neunt- und Zehntklässler für den Ernstfall, damit sie wissen, was man bei einer Wahl beachten muss.

Stendal. Die Klassenzimmertür geht auf, ein junges Mädchen mit hellblondem Zopf kommt herein. Es steuert eine Tischreihe an, hinter der drei Schüler sitzen. Einem von ihnen überreicht es seine Wahlbenachrichtigung. Er wirft einen prüfenden Blick darauf und lässt das Papier in einem hellbraunen Umschlag verschwinden. Die Schülerin neben ihm sucht auf einer Liste nach dem Namen des Mädchens: Laura Prenzel. Abgehakt. Laura darf weiter, bekommt ihren Wahlzettel.

Sie schaut sich suchend um. "Da musst du hin", weist Wahlhelferin Mandy Reinhardt sie an und deutet auf einen Ständer, an dem eine Weltkarte baumelt. Dahinter verbirgt sich die provisorische Wahlkabine. Nach einer knappen Minute kommt die Wählerin mit dem zusammengefalteten Zettel wieder hervor und wirft ihn durch den Schlitz der Wahlurne. "Mich interessiert Politik eigentlich nicht so", sagt die 15-Jährige. "Aber ich weiß jetzt endlich, wie eine Wahl so abläuft."

Zu wissen, wie man wählt, genau das war das Ziel des Unterrichtsprojekts. "Es ist wichtig, den Schülern zu vermitteln, wie ein Wahlzettel aussieht, und ihnen einen Überblick über die Ziele der Parteien zu geben. So können sie sich auch im Nachhinein intensiv mit der Politik beschäftigen", erklärt Sozialkunde-Lehrerin Elfgard Wiemann. Genau 111 Schüler der 9. und 10. Klassen haben an diesem Freitagmittag für den Ernstfall geübt. Rund 25 Schulen sind es in diesen Tagen während der "Juniorwahl 2011" in ganz Sachsen-Anhalt.

Während einige Schüler zuvor mit Politik noch nie in Berührung gekommen sind, haben andere eine feste Vorstellung von dem, was ihnen wichtig ist. "Ich habe die Linken gewählt," sagt Nancy Borstel (14). "Sie grenzen andere Nationalitäten nicht aus, sondern helfen ihnen. Außerdem gefallen mir ihre Grundsätze für Schulen: Sie sind dafür, dass Schüler bis zur 7. Klasse zusammen lernen." Die Wahlsimulation hält sie für eine gute Idee: "Man kann schon mal testen, wie es abläuft. Es ist ein tolles Projekt."

Voll wird\'s im Wahllokal jedoch nie. Die Schüler kommen immer wieder vereinzelt in den Raum, verschwinden kurz hinter der Weltkarte, gackern, scherzen miteinander, und lassen ihre Wahlzettel in den Tiefen der Urne versinken.

Noch ein paar Minuten, dann ist die Klasse 9a mit ihrem Durchgang fertig. Was heißt: Zeit für eine andere Klasse - und Schichtwechsel für die Wahlhelfer Chris Holle (15) und seine beiden Kollegen. Gut 20 Minuten lang haben sie Zettel verteilt, Namen abgehakt und Hinweise gegeben. Ein Job, der ihnen Spaß macht: "Naja, man fühlt sich schon wichtig", sagt Mandy und grinst. "Und man sammelt auch Pluspunkte bei den Lehrern", ergänzt Chris lachend.

Was er gewählt hat, will Chris aber nicht verraten: "Ich berufe mich da auf das Wahlgeheimnis", sagt er knapp. Ein anderer Schüler ist gesprächiger. "Die NPD. Aber ich kenn\' die nicht richtig", erzählt er. Was er dann an ihnen gut finde? "Weiß nicht, wählen andere halt auch", sagt er und zuckt mit den Achseln. "Das find\' ich nicht gut!", ärgert sich Lehrerin Wiemann und sagt zu dem Schüler: "Wir haben uns mit den Parteien beschäftigt. Man sollte begründen können, wen man warum wählt."

Das Thema NPD wolle sie auf jeden Fall noch einmal aufgreifen und sich mit den Schülern intensiv auseinandersetzen. Und das ist definitiv ein positiver Nebeneffekt des Projekts. Denn es kann nicht oft genug über die Gefahren rechter Parteien gesprochen werden. Doch hat diese Wahl auch gezeigt, dass einige Teenager mit Überlegung ihre Kreuze setzen, denn jede Stimme ist entscheidend, finden sie.