Der Ablaufgraben vom Schelldorfer See in Richtung Elbe wurde am Mittwochmorgen von einem Mitarbeiter des Unterhaltungsverbandes Tanger entschlammt. Für Dr. Peter Neuhäuser, Vorsitzenden des Nabu-Kreisverbandes, ist das "eine Katastrophe". Klaus Lübs, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes Tanger, nennt es eine "normale Unterhaltungsmaßnahme".

Buch. "So etwas nenne ich blinden Aktionismus", sagt Uta Neuhäuser, Leiterin des Umweltbildungszentrums in Buch. Seit wenigen Minuten weiß sie von ihrem Mann, Dr. Peter Neuhäuser, dass am Schelldorfer See in den Morgenstunden damit begonnen worden war, den sogenannten Sielgraben zu entschlammen. "Die Leute haben nach dem Hochwasser vom Januar Angst vor dem nächsten Hochwasser", so die Vermutung der Biologin. "Doch so können wir mit der Natur nicht umgehen.

"Sehe keine Notwendigkeit, den Graben jetzt zu entschlammen"

Dr. Peter Neuhäuser verweist auf eine Karte an der Wand. Grüne Flecken im Landkreis Stendal weisen die wenigen Naturschutzgebiete aus. Die Elsholzwiesen bei Bölsdorf und der Schelldorfer See sind kilometerweit die einzigen ausgewiesenen Gebiete dieser Art. "Und diese wenigen müssen wir erhalten, dürfen sie nicht durch solche Maßnahmen zerstören", fordert er. "Ich sehen keine Notwendigkeit, weshalb jetzt, zu dieser Jahreszeit, der Graben entschlammt werden muss", sagt Dr. Neuhäuser. Er erklärt auch, weshalb die Aktion aus Naturschutzsicht einer Katastrophe gleich komme. "Der Graben ist ein Laichgewässer." Zu dieser Jahreszeit hätten die Amphibien und auch Hechte bereits gelaicht. Von hier würde sie später weiter in Richtung Schelldorfer See ziehen. Bei einem Blick auf die etwa zehn Zentimeter dicke Schlammschicht, die nach der Aktion wie ein dicker Teppich am Rand des Grabens liegt, vermutet der Biologe, dass die graue Masse voll sein muss mit Laich. "Im April so eine Maßnahme durchzuführen, ist absolut kritisch", sagt er. Nun würde der Laich auf der Wiese vertrocknen, hätte keine Chance. "So geht die Natur den Bach runter."

Seit etwa 35 Jahren ist der Schelldorfer See ein Naturschutzgebiet. Alle Gräben, die dorthin führen, hätten ebenfalls einen Naturschutzzweck. Hinzu komme die seit etlichen Wochen anhaltende Trockenheit, die jetzt während der Ostertage sogar von der Waldbrandwarnstufe drei begleitet ist.

"Man muss das im Verhältnis sehen", sagt Klaus Lübs, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes Tanger, am Mittwochnachmittag auf diese Grabenräumung angesprochen. Insgesamt, so sagt er, würden sechs Kilometer Gräben zum Schelldorfer See führen. Gerade einmal 250 Meter wären am Mittwoch geräumt worden. Als Gewässer zweiter Ordnung sei dieser Graben regelmäßig zu pflegen. "Es war eine ganz normale Unterhaltungsmaßnahme", so Lübs. "Wir müssen unsere Gewässer so in Gang halten, dass ein normaler Wasserstand erreicht werden kann. Wir haben hier lediglich das gemacht, was wir machen müssen."

Dass das auch im Einklang mit dem Naturschutz gehen kann, dafür gab es in der Vergangenheit bereits Beispiele. "Da haben wir einen Anruf erhalten und wurden gefragt, ob wir den Laich nicht umsetzen können", berichtet Uta Neuhäuser. Das sei möglich, und deshalb hätten sie es damals auch getan. Einen solchen Anruf gab es am Mittwoch nicht.

Klaus Lübs: "Wir waren in der Vergangenheit bereits mehrfach aufgefordert worden, die Gräben zu räumen." Die Aufforderung, so der Geschäftsführer, sei vom Ordnungsamt der Stadt Tangerhütte gekommen. "Und dahinter stehen die Landwirte." Ihnen sei damit in erster Linie geholfen, so Lübs. Denn mit der optimalen Entwässerung könnten die landwirtschaftlichen Flächen erst wieder bewirtschaftet werden.

"Im Herbst konnten wir nicht mähen, weil es da bereits zu nass war", berichtet Klaus Lübs weiter. In diesem Jahr habe das Hochwasser von Januar so lange auf den Felder gestanden, dass erst jetzt eine Grabenpflege möglich gewesen sei.

"Können nicht den Storch wollen, aber seine Lebensgrundlage zerstören"

Was für den einen "normale Unterhaltung" bedeutet, ist für den anderen "eine Katastrophe". Die beiden Biologen, die von Buch aus seit vielen Jahren um mehr Rücksicht auf die Natur kämpfen, erfahren fast täglich, dass die Kreisläufe in der Natur nicht mehr wahrgenommen werden. "Wir können nicht auf der einen Seite den Storch wollen und auf der anderen Seite deren Lebensgrundlagen zerstören oder missachten", sagt Uta Neuhäuser. Und Amphibien in großer Zahl, Biotope und Feuchtwiesen gehörten nun einmal dazu. Gibt es sie nicht, findet der Storch seine Nahrungsgrundlage nicht. Wer diesen Kreislauf nicht erkenne und für unwichtig erachtet, der zerstöre nicht nur Lebensräume, sondern nehme auch vielen Tierarten die Lebensgrundlage, letztendlich die Überlebenschance.