Die Stadt steht vor einer schweren Entscheidung: Entweder investiert sie noch in diesem Jahr mehr als 100 000 Euro in die Kindertagesstätte Spielhaus oder sie muss die Einrichtung zum 31. August schließen. Grund: Im Ergebnis einer im April stattgefundenen Brandschutzschau gilt das Haus als nicht sicher. Ein zweiter Fluchtweg muss her.

Tangermünde. Innerhalb der nächsten Wochen muss der Stadtrat von Tangermünde eine folgenschwere Entscheidung treffen und damit über die Zukunft der einzigen städtischen Kindereinrichtung befinden. Stimmt das Gremium dafür, das Spielhaus mit einem zweiten Fluchtweg, wie es der Brandschutz fordert, auszustatten und damit mehr als 100 000 Euro zu investieren, gibt es eine Zukunft für das Haus. Entscheidet sich der Rat angesichts der Haushaltslage und der gesamten Zukunftspläne für Kindereinrichtungen in der Stadt gegen diese Investition, bedeutet dies das Aus zum 31. August.

"Man hat uns sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt"

Seit langer Zeit war im Gespräch, die große Villa eines Tages leer zu ziehen. Doch das schmucke Objekt war bereits zu DDR-Zeiten als Krippe genutzt und nach der Wende mit viel Geld zur Kindertagesstätte umgebaut worden. "Dafür haben wir auch eine Betriebserlaubnis", sagte Bürgermeister Dr. Rudolf Opitz gestern in einem Gespräch.

Doch diese wird nach der jüngst stattgefundenen sogenannten Brandschutzschau hintangestellt. In der Villa gibt es nur die große breite Holztreppe und damit keinen zweiten Fluchtweg. Opitz: "Man hat uns sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt." Um den Vorschriften gerecht zu werden, müsste die Stadt für die gut 50 Kinder, die hier derzeit betreut werden, eine Außentreppe aus Stahl anbringen. "Das würde mehr als 100 000 Euro kosten", fügt der Bürgermeister hinzu. Geld, das die Stadt nicht eingeplant und erst recht nicht übrig hat. Opitz bezeichnet das Ganze als "eine missliche Lage, die wir noch diskutieren müssen".

Fakt ist, dass die Stadt an anderer Stelle derzeit den Neubau einer Tagesstätte plant. Dort, wo sich heute die Johanniter-Kindertagesstätte Luisenstraße befindet, wird in den nächsten Jahren für 1,8 Millionen Euro ein nagelneues Reich für Krippen- und Kindergartenkinder entstehen. "Ein Winkelbau, für den wir zuvor den Bereich der Kita abreißen müssen, in dem sich heute unser Archiv und die Tafel befinden", berichtet Dr. Opitz. Die Idee dazu gibt es schon längere Zeit. Auch waren Sanierung oder Neubau dieses Objektes aus DDR-Zeiten mehrfach im Gespräch. Doch letztendlich scheiterte jeder weitere Gedanke stets daran, kein Geld für die Umsetzung zur Verfügung zu haben.

"Stiftung hat uns zugesichert, Großteil der Kosten zu übernehmen"

Das sieht jetzt anders aus. Die Hugo-Meyer-Nachfahren-Stiftung "hat zugesichert, einen Großteil der Kosten zu übernehmen", so der Bürgermeister. Die Vorplanung für das neue Objekt sei derzeit in Arbeit und werde dem Rat im Mai oder Juni vorgestellt. Im September könnte die Ausführungsplanung vorliegen, die dann dem Amt zur Genehmigung eingereicht werden kann. "Ich sage vorsichtig, dass wir in der zweiten Jahreshälfte 2012 mit dem Abriss beginnen könnten", wagt der Bürgermeister einen Blick voraus. Sollte das der Fall sein, dann könnte der geplante Kita-Neubau schon Ende 2013 bezugsfertig sein.

Doch von August 2011 bis Ende 2013 muss es sowohl für die noch gut 40 Spielhaus-Kinder (ab August) und auch sechs Mitarbeiterinnen eine Lösung geben. Die zwei Johanniter-Tagesstätten in der Stadt werden die nicht bieten können. "Die kleinen Ritter" arbeiten seit vielen Jahren mit einer Warteliste. Auch in der Luisenstraße gibt es zumindest für den Krippenbereich eine solche. Derzeit werden hier insgesamt gut 100 Kinder betreut. Eine Betriebserlaubnis gibt es für 143 Mädchen und Jungen. Der Zuspruch ist allerdings gerade in jüngster Zeit sehr gewachsen.

Dr. Opitz: "Wir haben die Luisenstraße. Und sollten die Plätze dort nicht ausreichen, so können wir als Stadt auch immer noch auf die Einrichtungen verweisen, die jetzt ebenfalls zu uns gehören, zum Beispiel auf die in Buch."

Dieser Einrichtung, die aufgrund sinkender Kinderzahlen ganz aktuell ums Überleben kämpft, könnte das eventuell einen Zulauf bescheren.

Wo die Spielhaus-Mitarbeiterinnen arbeiten können, muss im Falle einer beschlossenen Schließung ebenfalls geklärt werden.

Im Übrigen hat die Brandschutzschau nicht nur Folgen für den Betrieb dieser einen städtischen Kindereinrichtung. Auch in der Comenius-Grundschule, der größten Grundschule des Landkreises Stendal, ist nicht alles normgerecht. "Deshalb müssen wir hier in den Sommerferien Durchbrüche für nicht vorhandene Fluchtwege im Mittelbau schaffen", nennt der Bürgermeister ein weiteres Ergebnis dieser Überprüfung. "Natürlich haben wir dafür keine Mittel in den Haushalt eingestellt", fügt er hinzu.

Das Geld, was im Sommer und später in den Nachmittagsstunden bis zu den Herbstferien in der Schule verbaut werden soll, ist einzig und allein für den Ausbau des Dachgeschosses geplant und kommt ebenfalls von der Hugo-Meyer-Nachfahren-Stiftung.

Im Stadthaus selbst wurden aus brandschutztechnischer Sicht ebenfalls Mängel festgestellt. Auch hier muss die Kommune deshalb investieren und Geld, das nicht vorhaben ist, in die Erfüllung von Auflagen stecken.