Was vor zwei Jahren als Experiment begann, könnte sich als zukunftsträchtige Idee erweisen: An der Comenius-Ganztagssekundarschule werden die Pädagogen von Studenten unterstützt, die ihr theoretisches Wissen einbringen und selbst einen Blick für die praktischen Erfordernisse der Schularbeit bekommen.

Stendal. Lisa Roeske steuert zielstrebig Raum 210 in der Comenius-Sekundarschule an. Die 23-Jährige muss zum Englischunterricht, seit gestern ist sie in der 5b. Lisa ist mit der Schule längst fertig, studiert Kindheitswissenschaften an der Stendaler Hochschule. Und nun ist sie doch wieder in der Schule.

Sie ist eine von 15 "KiWis", die über ihren Professor Joachim Bröcher beim Projektstudium mitmachen - einer Kooperation mit der Ganztagssekundarschule, die im Frühjahr 2009 begann. Seither sitzen in den fünften und sechsten Klassen auch regelmäßig Studenten. Sie sollen nicht die Lehrer bewerten oder alles besser wissen, sie sollen niemanden ersetzen, sondern sie sollen unterstützen und selbst lernen.

"Von einer anfangs eher allgemeinen Hospitation sind wir mittlerweile zu individueller Schülerbetreuung übergegangen", erläutert Schulleiterin Heidemarie Henning. Jeder Student bekommt einen Schüler zugewiesen, um den er sich speziell kümmert - im Unterricht, in der Pause, auf der Klassenfahrt. Zwei Stunden pro Woche kommen die angehenden Kindheitswissenschaftler in die Comenius-Schule. Im Fokus sind vor allem Schüler mit Lern- oder Aufmerksamkeitsproblemen.

Die Lehrer sagen, wo sie Unterstützung wünschen. "Lehrer und Studenten müssen langsam ein Team werden", sagt Professor Bröcher. "Und zunehmend bekommen die Studenten dann eigene Aufgaben übertragen."

Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Studenten selbst Schüler waren. Aber die Entfremdung geht doch schneller als man denkt; im Studium eignet man sich oft einen sehr abstrakten, theoretischen Blickwinkel an. Einige sind schon länger bei dem Projekt dabei und finden, dass es sich lohnt.

Lehrer und Studenten werden ein Team

"Ich glaube, den Kindern tut es gut, dass jemand direkt neben ihnen sitzt und sich individuell mit ihnen beschäftigen kann", sagt Stefan König. Er hat den Eindruck, dass die Pädagogen froh sind über diese Entlastung. "Und wir bringen wissenschaftliche Ansätze mit, die interessant sein können." Ihm hat es die Erkenntnis gebracht, dass er "später auf jeden Fall in der Schule arbeiten" möchte. "Schule ist eines der interessantesten Arbeitsfelder für uns KiWis", sagt er.

Dass jedes Kind anders lernt, hat Jana Tonagel erkannt. Sie hat sich einer sehr lernschwachen Fünftklässlerin zugewandt, die seitdem keinen Förderunterricht mehr brauche, betont Schulleiterin Heidemarie Henning. Lisa Roeske hat indes gemerkt, "dass die Schüler viel motivierter sind, wenn wir im Raum sind". Das Zusammenspiel von Lehrer und Student sei gewinnbringend. "Wir können hier sehen, was anwendbar ist und wie es funktioniert."

Theorie und Praxis, Innenleben und Außenblick verquicken, das ist Ziel der Kooperation. "Für uns ist es wichtig, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die einen anderen Zugang zu Schule haben", sagt Henning. Gleichzeitig wolle man den jungen Leuten ermöglichen, eine berufliche Orientierung zu bekommen.

Professor Bröcher betrachtet die Kooperation als einen Glücksfall: "Es ist toll, dass sich die Comenius-Schule selbst als lernende Institution betrachtet. Und für unsere Studenten ist es ein wunderbares Lernfeld, wo sie ihr Studium auf einer anderen Ebene fortführen." Sie würden dabei auch die Kunst erlernen, in einem stark regulierten Gebilde den Blick auf den Menschen zu finden und zu bewahren.