Ein Jahr im Voraus um einen Ausbildungsplatz bewerben? Das können sich viele Jugendliche nicht vorstellen. Damit der Übergang von der Schule ins Ausbildungsverhältnis nicht zum bösen Erwachen führt, engagiert sich Petra Beier für sozial benachteiligte Schüler und hilft ihnen beim Bewerben.

von Sibylle Sperling

Stendal. "Hoffentlich kommen sie alle", bangt Petra Beier, die sich seit einigen Monaten für 16 Jugendliche der Wladimir-Komarow-Schule engagiert. Sie steht am Fenster, den Blick auf die dunkle Wolkenwand am Himmel gerichtet, aus der sich gerade eine wahre Regenflut ergießt. "Bei so einem Wetter muss ich damit rechnen, dass hier kein einziger Schüler auftaucht."

Dabei geht es um die berufliche Zukunft der jungen Menschen. Schon seit mehreren Jahren begleitet Petra Beier Neuntklässler auf ihrem Weg ins Ausbildungsverhältnis. Denn deutsche Unternehmen haben in den letzten Jahren deutliche Defizite bei ihren Bewerbern festgestellt - mangelnde Reife, schlechte Noten, fehlende Motivation und ein sehr geringes Durchhaltevermögen. "Die Schüler kommen ja nicht mal von allein auf die Idee, sich zu bewerben und wissen nicht, was sie werden sollen. Sie können nicht einschätzen, wie sie auf andere wirken und haben kein Gefühl dafür, wie man anderen Menschen gegenübertritt", ist Petra Beiers Diagnose.

Wichtig: Emotionale Zuwendung zu Hause

An den Defiziten der Jugendlichen setzt das bti- Beratungs- und Bewerbungsinstitut von Herbert Bläsche an. Es gibt 14-tägig Einzelcoachings, in denen die Jugendlichen lernen sollen, Hemmungen zu überwinden, sich sprachlich zu präsentieren und den richtigen Umgangston zu finden. Neu ist, dass in diesem Jahr erstmalig die Eltern der Neuntklässler mit im Boot sitzen. Sie begleiten ihr Kind zur Beratung und können lernen, worauf es beim Bewerben ankommt. "Die Eltern sollen dann zu Hause umsetzen, was ihren Kindern bei uns vermittelt wurde. Schließlich muss zu Hause weitergeführt werden, was wir hier begonnen haben", sagt Petra Beier. "Und die Jugendlichen brauchen die emotionale Zuwendung und Wertschätzung ihrer Eltern, Worte wie: Du kannst das!"

Petra Beier ist unendlich erleichtert. Viele Stühle sind besetzt. Trotz des Regens sind alle Jugendlichen und einige Eltern erschienen. Gespannt verfolgen sie den Vortrag von Steffen Sauer, der die Kreissparkasse Stendal vorstellt und um Ausbildungsplätze für das nächste Jahr wirbt.

"Wir haben jetzt Mai. Unser Projekt wird nur bis Ende Oktober finanziert, aber die Betreuung der Schüler muss weiterlaufen. Schließlich sind die meisten Bewerbungsgespräche erst im Januar oder Februar." Auch im letzten Jahr hat sich Petra Beier so lange um die Jugendlichen gekümmert, bis sie alle in Ausbildungsverhältnissen untergebracht waren. Doch sie freut sich für die Jugendlichen, schließlich geht es darum, ihren sozialen Abstieg zu verhindern und ihnen eine Perspektive für die Zukunft zu geben. Vieles ist möglich: das Freiwillige Soziale Jahr, eine schulische Ausbildung oder die Ausbildung im Unternehmen.