Sie wollen in die Mitte der Gesellschaft rücken, dazugehören und nicht weiter als Menschen mit Behinderungen abgewertet werden. Um auf sich und ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen, hatte der Altmärkische Gehörlosenverein zum Kulturtag in die Kunstplatte eingeladen.

Stendal. "Menschen mit Behinderungen arbeiten am besten in Behinderteneinrichtungen." Mit dieser provokanten These hatte die Aktion Mensch Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe dazu aufgerufen, sich für ihre Gleichstellung und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einzusetzen. Am Samstag organisierte daher der Altmärkische Gehörlosenverein seinen 4. Kunst- und Kulturtag.

Wie hält ein Gehörloser einen Vortrag? Und wie nehmen Gehörlose kulturelle Erlebnisse wahr – vor allem, wenn diese eigentlich auf der akkustischen Ebene aufgenommen werden wie Musik oder eine Theateraufführung?

"Wir benutzen unsere Kanäle visuell, wir sehen statt hören..." gebärdete der gehörlose Helmut Vogel, freiberuflicher Dozent und Historiker. Eine gute Stunde konnte man seinen Ausführungen über die 200-jährige "Deaf History" folgen. Auch Hörende. Denn zwei Dolmetscher übersetzten den in Gebärdensprache gehaltenen Vortrag in Worte.

Dass dies nicht immer so selbstverständlich war, ist ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Gehörlosenbewegung. Kaiser Wilhelm II. akzeptierte die Gebärdensprache nicht und verbannte sie rigoros aus den Schulen. Alle sollten in Zukunft nur die Lautsprache benutzen. Doch wie sollen sich Gehörlose ohne ihre Sprache verständigen? Wie würden Hörende kommunizieren, wenn ihnen das Sprechen nicht mehr erlaubt wäre? Unvorstellbar ist uns ein Leben ohne Sprache. "Wir Gehörlosen wurden am selbstverständlichen Fortkommen im Leben behindert und konnten uns jahrzehntelang nicht entwickeln. Wir wurden ausgegrenzt, isoliert und unter Hitler gnadenlos verfolgt", beschrieb Helmut Vogel die lange Dunkelzeit der Gehörlosen.

Kaum zu glauben – erst seit 25 Jahren ist die Gebärdensprache in Deutschland als eigenständige und vollwertige Sprache neben der Lautsprache akzeptiert. Doch noch heute kämpfen die Gehörlosen gegen ihr Image des "Verkannten Menschen". Arbeit, Bildung, und Freizeit sind Bereiche, zu denen sich Gehörlose gleichberechtigten Zugang wünschen. "Schließlich wollen wir in der Mitte der Gesellschaft stehen und unsere Zukunft aktiv mitgestalten. Hörende sollen nicht über uns, sondern mit uns Entscheidungen treffen", wünschte sich Vogel.

Ein erster Schritt hin in die Mitte der Gesellschaft: das anschließend stattfindende Kulturprogramm in der Kunstplatte. 45 Gehörlose erlebten Musik und Theater. Und natürlich war es anders. Lauter waren die Bässe, leiser die Zuschauer. Konzentriert verfolgten sie die Dolmetscherinnen, die die Texte der Magdeburger Band Begbie in Gebärdensprache übersetzten und die Musik in Bewegungen transformierten. "Ja, wir nehmen die Musik anders wahr. Wir spüren und fühlen die Vibrationen über die starken Bässe. Deswegen ist die Musik auch lauter. Und wir konzentrieren uns auf die Dolmetscherinnen - sie stellen Gefühlsbilder dar", versuchte Reiko Lühe, Vorsitzender des Altmärkischen Gehörlosenvereins, sein Erleben von Musik zu beschreiben.

Das Programm kam an, das konnte man sehen und vor allem spüren. Statt einem Klatschen schnellten viele Arme in die Höhe. Mit beiden Händen wurde gewunken. Ausgelassen standen sie zusammen, gebärdeten und freuten sich. Lühes Wunsch ist in Erfüllung gegangen: "Alle sollen mit einem Lächeln und zufrieden nach Hause gehen." Hat Begbie auch CD´s verkauft? "Drei." schmunzelte der Sänger Christoph Schönfeldt.

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