Im Dezember 2000 fing Dr. Stephan Henschen in der Johanniter-Frauenklinik als Chefarzt an. Jetzt geht er nach Schwerin – und hofft, in Stendal fachliche wie menschliche Spuren zu hinterlassen.

Stendal. "Ein Foto in meinem Büro? Ich glaub‘, das ist keine gute Idee." Dr. Stephan Henschen winkt lachend ab, gewährt aber doch einen Blick: Regale halb leer, Akten und Bücher auf dem Boden, Kartons bereit fürs große Umziehen. Platz für zehn Jahre Chefarzt. Ende März ist Schluss. "Ich habe gern hier gearbeitet, habe sehr motivierte Mitarbeiter erlebt", sagt Henschen. Und Stendal, versichert er, sei nicht schuld, dass er die Stadt verlässt. "Ich mag die Region. Meine Familie und ich haben uns hier sehr wohlgefühlt." Wenn sich aber Unzufriedenheit breitmacht, der Tag nicht mehr mit einem Lächeln, sondern mit Bauchgrummeln beginnt, dann sei es Zeit, zu gehen, sagt er. Die Leitungsstrukturen im Klinikum hätten sich seinem Empfinden nach zunehmend zum Negativen verändert. "Mitgestaltung war kaum noch möglich."

Den Weg, den Stephan Henschen jetzt einschlägt, geht er trotzdem mit frohem Sinn. "Veränderung find‘ ich immer schön, es gehört sicher auch Mut dazu, aber keinesfalls ist das Stress für mich." Seinen Lebenslauf hat der in Hamburg geborene und in Niedersachsen aufgewachsene Henschen schon vervollständigt. "Seit 2011: Chefarzt der Frauenklinik im Helios-Klinikum Schwerin, Leiter des Brustzentrums Schwerin, Leiter der Abteilung für Palliativmedizin Schwerin" steht da als aktuellste Station im beruflichen Werdegang des Gynäkologen und Geburtshelfers. Dabei ist er noch gar nicht weg.

Noch hat Dr. Stephan Henschen sein Büro in der Bahnhofstraße von Stendal, noch ist er Chefarzt der hiesigen Frauenklinik, und noch will es mancher Kollege und manche Patientin gar nicht glauben, dass er geht. "Nicht nur menschlich, auch fachlich wird etwas fehlen", sagt einer, der ihn gut kennt. Solche Einschätzung wird Henschen freuen, denn das Wichtigste, sagt er, sei, "dass man auch Spuren hinterlässt, vor allem menschliche".

Das Menschliche mögen all jene beurteilen, die mit ihm gearbeitet haben, die seine Aufmerksamkeit und Zeit als Ehemann und Vater beanspruchen, die von ihm Rat und Trost im Krankenhaus entgegennahmen. Auf jeden Fall, so scheint es, gelingt es diesem Mann, bei aller Energie und allem Ehrgeiz, die in ihm stecken, ausgeglichen und besonnen zu sein.

"Immer einen Schritt voraus, immer in Action", sagt seine Sekretärin über ihn. Manuela Wenzel, seit 1989 im Chefarztsekretariat der Stendaler Frauenklinik, wird sein "Moin, Moin" in Erinnerung behalten. "Egal ob morgens, mittags oder nachmittags, das sagt er immer", verrät sie der Volksstimme. Nur was das Essen angeht, da macht sie sich ein wenig Sorgen: "Ich hätte mir gewünscht, dass er öfter mal eine Pause einlegt und was zu sich nimmt. Da legt er, glaub ich, wenig Wert drauf", sagt sie und fügt mit einem Lachen an: "Oder aber wir haben ihm das nicht richtig beigebracht."

Das Fachliche füllt eine lange Liste an Zertifikaten und Weiterbildungen. Mit Dr. Stephan Henschens Zeit in Stendal dürften vor allem das Brustzentrum, das Beckenbodenzentrum und der Titel "Babyfreundliches Krankenhaus" assoziiert werden. Zwei Fachärzte wurden unter seiner Leitung zu Gynäkoonkologen ausgebildet, und die Pränataldiagnostik hat er zu einem Schwerpunkt gemacht.

Und auch darauf ist Henschen stolz: "Es ist uns gelungen, die Geburtenzahlen im Klinikum trotz des gesellschaftlichen Wandels zu steigern. Durch die gute Zusammenarbeit mit der Kinderklinik und insbesondere mit der Neonatologie ist die Versorgung von sehr früh geborenen Kindern möglich."

Kinder und Frauen – das gehört für Henschen nicht nur beruflich zusammen. Die Frauen, die hat er auch als Kunst bei sich: Über seinem Schreibtisch im Büro hängt ein Scherenschnitt von Matisse, einer der Blauen Akte. Die Kinder, für die hat er schon selbst in ausreichender Zahl gesorgt: Fünf Söhne gehören zur Familie Henschen, zwei Zwillingspärchen darunter. Und einer, klar, wird Arzt.

Mediziner, ist Stephan Henschen überzeugt, sei ein toller Beruf. "Aber dafür muss man die Menschen lieben, heilen geht nicht nur technisch, sondern auch und vor allem über die Seele." Dieses Credo wird er neben allen Umzugskartons sicher mit nach Schwerin nehmen.