Tangermündes Wehrleiter Uwe Classe hat um seine Abberufung gebeten. In einem Schreiben an Bürgermeister Dr. Rudolf Opitz gibt er seinen Rücktritt bekannt. Das Vertrauen zur Wehrleitung sei beschädigt. Er könne so nicht mehr die Verantwortung übernehmen. Seine Mitgliedschaft in der Wehr sei von seinem Rücktritt nicht berührt.

Tangermünde. In Tangermündes Feuerwehr brennt die Luft. Doch die Spezialisten im Löschen von Feuer stoßen in den eigenen Reihen an ihre Grenzen. Hilfe von außen ist dringend erforderlich. Deshalb hat sich jetzt Bürgermeister Dr. Rudolf Opitz der Sache angenommen. Gern hätten die Kameraden die Angelegenheit unter sich geklärt. Doch im Laufe der Jahre sind Mauern entstanden, die jetzt unüberwindbar scheinen.

"Habe versucht, Kameraden ins Gewissen zu reden"

Zur Sache: Mitte Januar hatten 32 der 43 aktiven Kameraden der Tangermünder Wehr in einem Schreiben an Wehrleiter Uwe Classe die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gefordert. Gegenstand der Beratung sollte die Abberufung des Wehrleiters durch Abstimmung sein. Das Schreiben ging auch an den Bürgermeister und an Ordnungsamtsleiterin Birgit Herzberg. Grund der inneren Aufruhr: Die Kameraden sprechen von tiefem Vertrauensverlust, Störung der Gemeinschaft, von einer Führung, unter der sie nicht mehr arbeiten wollen und können. Eine Abberufung sei unumgänglich.

Nach Aussage von Kameraden der Wehr habe es auf das Schreiben vom Wehrleiter keine Antwort gegeben. Stattdessen hätte Dr. Opitz den 23. März als Termin vorgeschlagen. Das nahmen die Kameraden nicht hin. Deshalb wurde am Dienstag der Dienstabend im Gerätehaus kurzerhand vom Bürgermeister zur Informationsveranstaltung umbenannt.

Er, Stadtratsvorsitzender Horst Becker, Birgit Herzberg und auch Wehrleiter von Ortswehren der Stadt Tangermünde waren anwesend. Wehrleiter Uwe Classe fehlte. Etliche Tangermünder Kameraden nutzten die Zusammenkunft, um ihre Argumente vorzubringen. Der Volksstimme liegen Informationen vor, nach denen davon die Rede war, dass keinerlei Gesprächsbereitschaft von Seiten des Wehrleiters zu erkennen sei. Im Einsatz würden häufig Streitigkeiten ausgetragen. Es gebe fast immer und überall Konfrontation. Jugend- und auch Wettkampfgruppe hätten mehrfach versucht, das Gespräch zu führen, Termine zu vereinbaren. Ohne Erfolg. Eine der Folgen: In den vergangenen sechs, sieben Jahren verließen mehr als 30 aktive Kameraden die Tangermünder Wehr. Der Volksstimme liegen Informationen vor, nach denen weitere Kameraden ihren Dienst quittieren wollen, wenn es zu keiner Veränderung an der Führungsspitze kommen wird.

"Ich habe versucht, den Kameraden ins Gewissen zu reden", sagte Bürgermeister Dr. Rudolf Opitz am Tag nach der Aussprache im Gerätehaus. Die Verdienste des Wehrleiters um die Tangermünder Wehr seien unbestritten. Seit 40 Jahren ist Uwe Classe Mitglied der Wehr, seit 25 Jahren deren Leiter. Das dürfe man nicht vergessen. Doch über diesen Punkt scheinen die Kameraden längst hinaus zu sein. Dennoch wollten sie noch nach dem Gespräch auf Drängen des Bürgermeisters einen erneuten Versuch der "offenen Aussprache", so Opitz, unternehmen. Ein Moderator sollte sie begleiten. Das muss nun alles nicht mehr sein. Uwe Classe selbst hat gehandelt und seinen Rücktritt erklärt.

Noch am Mittwoch hatte Dr. Opitz gesagt: "Eine Abberufung des Wehrleiters würde mir sehr leid tun." Ja, er habe seine Ecken und Kanten. Doch gegen einen Mehrheitsbeschluss könnten er und auch der Stadtrat sich nicht stellen. Opitz verglich das Miteinander in der Wehr mit "einer schlechten Ehe, in der sich nur noch angeblubbert wird".

Was den Bürgermeister wundert: Die Mehrheit der Kameraden hatte Uwe Classe vor wenigen Jahren erneut gewählt. Das Gegenargument aus den Wehrreihen: Von denen sei heute kaum noch jemand in der Tangermünder Wehr.

In einem gestern extra dafür anberaumten Pressegespräch sagte der Bürgermeister: "Ich bedauere den Schritt unseres Wehrleiters sehr. Noch am Dienstag hatte ich gehofft, das Ruder rumreißen zu können." 20 Jahre lang habe er gut mit ihm zusammengearbeitet. Stets habe sich Classe für die Wehr und deren Belange eingesetzt, unter anderem den Um-, Aus- und Neubau der Häuser in der Lindenstraße mit in die Wege geleitet. Opitz bezeichnete ihn als "Motor und Sprecher der Wehr".

Auch Uwe Classe selbst unterstrich gestern in einem Telefonat, dass ihm der Schritt, nach 25 Jahren Amtszeit als Wehrleiter selbst den Rücktritt zu erklären, nicht leichtgefallen sei. Nach wie vor fühle er sich stark mit der Wehr verbunden. Bedauern und Unverständnis würden mitschwingen, wenn er an sein Rücktrittsersuchen denke. "Ich bin nun mal ein Vollblut-Feuerwehrmann", gesteht er.

"Das hatten wir in 130 Jahren Wehrgeschichte nicht"

Es ist möglich, dass der Stadtrat bereits am Mittwoch im nichtöffentlichen Teil der Ratssitzung über die Abberufung des Wehrleiters befindet. "Vielleicht verschieben wir es aber auch auf März", sagte Opitz gestern noch unentschlossen. Andererseits sei es jedoch eine Angelegenheit, die nicht auf die lange Bank geschoben werden dürfe. Denn Fakt ist: Solange Uwe Classe noch nicht abberufen ist, bleibt er Leiter der Wehr.

Wie aber wird die Zukunft der Wehr aussehen? Zunächst werde es einen kommissarischen Wehrleiter geben. Über das Verfahren müsse sich die Verwaltung erst schlau machen. "Das hatten wir in den fast 130 Jahren Feuerwehrgeschichte der Stadt noch nicht", sagte Opitz gestern. Doch bis Sommer, so das Ziel des Stadtchefs, solle die ordnungsgemäße Leitung der Wehr wieder hergestellt sein.

Aus heutiger Sicht gibt es nach Informationen, die der Volksstimme vorliegen, vier mögliche Kandidaten, die nachrücken könnten. Doch nicht alle in Frage Kommenden, so die Informationen aus den Reihen der Kameraden, würden von den Kameraden gewählt werden. Die Tangermünder Feuerwehrmänner und -frauen wünschen sich einen kompletten Neuanfang.