Sozialminister Norbert Bischoff war am Dienstagabend an der Stendaler Hochschule zu Gast. Er diskutierte mit Professoren über frühkindliche Bildung, mangelnde Jugendbetreuung, die NPD und demografische Probleme.

Stendal. Bis auf den letzten Platz war der Vorlesungsraum in der Fachhochschule besetzt. Rund 80 Professoren, Erzieher, Pfleger und andere interessierte Menschen waren gekommen. Sie wollten hören, wie sich Sozialminister Norbert Bischoff (SPD) mit Professoren des Fachbereichs Angewandte Humanwissenschaften über die Zukunft der Kinderbetreuung, die demographische Entwicklung und die Fachkräfteentwicklung im Bildungs- und Sozialbereich im Land Sachsen-Anhalt austauscht.

Zu Beginn seines Vortrags machte der Minister klar: "Ich habe nicht die Fähigkeit, mich kurz zu fassen, wenn aber jemand sagt, jetzt ist Schluss, dann höre ich auch auf." Gelächter. Dann lauschten die Zuhörer den Ausführungen des Ministers. Besonders am Herzen lag ihm die frühkindliche Bildung. "Ich spreche ganz bewusst von frühkindlicher Bildung und nicht von Betreuung. Das meiste wird im Alter von null bis zehn Jahren grundgelegt. Was in dieser Zeit verpasst wurde, kann man nicht mehr oder nur mit größter Anstrengung aufholen." Kinder seien von Neugierde und Bewegungsdrang geprägt, was leider oft auch ausgebremst werde. Es sei ein wichtiger Ansatz, genau das zu erhalten und zu fördern. "Man muss die Kinder bei ihren Stärken packen."

Ein Lob ging an Sachsen-Anhalt: "In der frühkindlichen Bildung sind wir vorn. Das System greift und verändert die Kinder. Als Minister habe ich einen ganz anderen Blickwinkel auf dieses Thema erhalten, weil ich viele Einrichtungen besuche und sehe, was wir mit dem Ziel Bildung erreicht haben."

Annette Schmitt, Professorin für Bildung und Didaktik, wandte ein: "Um nicht nur zu betreuen, sondern auch zu bilden, müssen Erzieher qualifiziert sein. Deutschland hinkt da aber gegenüber anderen EU-Staaten gewaltig hinterher. In anderen Ländern ist ein Studium der Frühpädagogik erforderlich. Und Sachsen-Anhalt ist das einzige Bundesland, wo es dafür keinen grundständigen Studiengang gibt."

Prof. Dr. Andreas Geiger, Rektor der Fachhochschule, ergänzte: "Wir wollen einen solchen Studiengang. Und auch einen Master, weil dieser wiederum dazu befähigt, in die Forschung zu gehen. Es gibt Bedarf an solchen Arbeitskräften." Doch einen Mangel gibt es offensichtlich auch in der Jugendbetreuung, wie Dr. Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik, erläuterte: "Zwar haben wir eine hohe Abiquote in Stendal, aber auch die höchste Abbrecherquote." Und er sprach noch einen weiteren Brennpunkt an: "Deutlich über 20 Prozent der unter 25-Jährigen würden bei der Landtagswahl für die NPD stimmen. Überall, wo sich Verbände zurückziehen und der Jugend nicht unter die Arme greifen, klinkt sich die NPD ein."

Der Minister entgegnete: "Leider wird der Fachkräftemangel immer weiter zunehmen, daher brauchen wir welche aus dem Ausland. Man darf aber nicht die Kräfte aus Sachsen-Anhalt außen vor lassen. Das würde wieder für Sprengstoff sorgen. Ich glaube auch, dass die NPD-Wahlen oft auch Protestwahlen sind: Je mehr sich der Staat gegen diese Partei stellt, desto anziehender wirkt sie auf die Jugend."

Dr. Rolf Horak sprach zum Schluss noch die Probleme älterer Menschen auf dem Land an: Er lobte zwar die niedrigschwelligen Angebote der Bürgerinitiative, sagte aber, dass solche Möglichkeiten auf dem Land fehlen würden. Bischoff erwiderte, dass es nicht möglich sei, in jeder abgelegenen Ecke solche Hilfe zu organisieren: "Wer auf dem tiefsten Dorf wohnt, muss sich wohl in einem Ballungszentrum versorgen lassen."

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