Von Frank Eckert

Stendal. Mit den Märchen ist das so eine Sache. Sie sind schnell erzählt und weitererzählt und wie stets ohne Gewähr. Dank der Gebrüder Grimm gehören sie ganz zum deutschen Kulturgut. In der Politik gehören sie gefühlt zum guten Ton; man hat ja sonst so wenig zu erzählen. Da tut es wohl, wenn endlich – so wie diesen Mittwoch – Aschermittwoch ist. Kurzum endlich Schluss mit lustig ist. Denn da kommt gefühlt nur die Wahrheit ans Licht, ungeschminkt und ohne Märchentonfall; aber immerhin im Märchenkostüm. So wie der Wolf im Schafspelz, um mal im Bild zu bleiben.

Doch das Leben ist viel dramatischer, wie die Linken bei ihrem politischen Aschermittwoch im großen Saal des Landratsamtes in Stendal vor zahlreichem Publikum belegten. Es ist nämlich so dramatisch, dass der Wulf, der Gallert, Linke-Spitzenmann zur alsbald bevorstehenden Landtagswahl, im Wolfspelz (Helga Paschke) dem Rotkäppchen (Katrin Kunert) mit reichlich Schrecken begegnete. Wer frisst hier eigentlich wen? Man musste wirklich bangen um den Wulfwolf.

Zwischendurch zwinkerte man sich und den Grausamkeiten des Lebens zu; ob Hartz IV, Benzinpreise, Doktorarbeiten anderer, Kommunismus mit Gespenstern, kalte Winter – das Leben ist kein Faschingsfest, allerhöchstens ein Aschermittwochskater; selbst bei den Linken. Das Schlimme daran: Sie geben es auch noch zu; freiwillig und mit allen Fußnoten.

Dass sie nämlich ordentlich austeilten, durfte erwartet werden. Und also kaum weniger. Da hatte das Bier auf den Tischen der Zuhörer "mehr Prozente als die FDP" in der kommenden Wahlurnenrunde. Eine Westerwelle wollte man jedenfalls kaum spüren in der Altmark, versicherten sich der Wulf im Wolfspelz und das Rotkäppchen gegenseitig. Dass ihr Spitzenkandidat, der für sie klar feststehende neue Ministerpräsident, da mehr zu bieten hatte, dazu lieferten sie einen Beweis – den Videobeweis. Eingespielt auf der Leinwand erschien ihr echter Wulf, der Gallert, und hielt bereits vorauseilend viele Prozente fest – eine Whisky-Flasche unterm Arm. Ob jene Hochprozente bis zum Wahltag halten, blieb offen und könnte frühestens am 20. März ab 18 Uhr überliefert werden.

Bis dahin durften sich noch alle fürchten, zuvorderst SPD-Konkurrent Bullerjahn, jener selbsternannte beste Freund des Wulfwolfs, die beide den großen Pinsel nach der Wahl mehr schwingen sollen als tatsächlich zusammen wollen. Oder andersherum. Fragt sich dann, mit welcher Farbe und in welche Richtung. Alles bleibt anders. So hatte Rotkäppchen Kunert nicht mal das Gespenst des Kommunismus an den Wulfwolf zu verschenken, dafür immerhin fünf Euro. Man gönnt sich eben sonst nichts in der Hartz-IV-Debatte.

Die Richtung des Abends leitete zuvor Landtagskandidat Mario Blasche ein; mit ein bisschen Spott und Opium fürs eigene Parteivölkchen samt seiner Flügel. Da sollte es doch nur mal dem Bau eines Vogelhäuschens wegen des strengen Winters zustimmen. Blasche aber sah sich schnell von allen Flügel-Bedenkenträgern umzingelt: Wo ist die politische Tiefe? Gibt es Vogelhäuschen für alle und wo koscheres Vogelfutter? Blasche hätte es wissen müssen: Es geht nicht um das Vogelhaus; es geht um die Katzen drumherum, um die Wölfe. Es geht den Linken um ihren Wulfwolf, und der droht mit seinem Vorhaben, dem Ministerpräsidentenstuhl.